86,5 Millionen Euro für Medizin-KI: Tandem Health will zum Betriebssystem für Europas Arztpraxen werden
Eine der größten aktuellen Finanzierungsrunden im europäischen HealthTech-Sektor kommt aus Stockholm: Das schwedische Startup Tandem Health hat 100 Millionen US-Dollar – umgerechnet rund 86,5 Millionen Euro – von Investoren eingesammelt.
Das Geld soll nicht einfach in einen weiteren KI-Assistenten für Ärzte fließen.
Tandem verfolgt einen wesentlich größeren Plan: Aus seinem bisherigen medizinischen KI-Assistenten soll ein KI-basiertes Betriebssystem für Arztpraxen und andere Gesundheitseinrichtungen in Europa entstehen.
Die Software soll Ärzte vor, während und nach Patiententerminen unterstützen – von der Vorbereitung über die Dokumentation bis hin zur Kodierung und klinischen Entscheidungsunterstützung.
Und Tandem startet nicht bei null: Nach Unternehmensangaben wird seine Technologie bereits von mehr als 10.000 Gesundheitseinrichtungen in 14 europäischen Märkten eingesetzt.
100 Millionen Dollar in einer einzigen Finanzierungsrunde
Bei der neuen Finanzierung handelt es sich um eine Series-B-Runde über 100 Millionen Dollar.
Das entspricht derzeit rund 86,5 Millionen Euro.
Angeführt wird die Runde vom Scaleup Europe Fund, der von EQT verwaltet wird. Für den Fonds ist Tandem die erste Investition im Bereich Healthcare AI.
Auch bestehende Investoren beteiligen sich erneut. Dazu gehören Kinnevik, Northzone, Amino Collective und Visionaries.
Mit der neuen Finanzierungsrunde steigt das insgesamt von Tandem eingesammelte Kapital nach Angaben von EU-Startups auf rund 160 Millionen Dollar beziehungsweise 138 Millionen Euro.
Erst im Juni 2025 hatte das Unternehmen eine Series-A-Runde über rund 42,6 Millionen Euro bekannt gegeben.
Was macht Tandem überhaupt?
Der Ansatz beginnt bei einem Problem, das viele Ärzte kennen: Ein erheblicher Teil ihrer Arbeitszeit geht nicht unmittelbar für die Behandlung von Patienten drauf, sondern für Dokumentation und administrative Aufgaben.
Genau hier setzt Tandem an.
Die KI kann beispielsweise Gespräche zwischen Arzt und Patient verarbeiten und daraus medizinische Dokumentation erstellen.
Doch inzwischen geht das Angebot deutlich weiter.
Der Assistent soll bereits vor einem Termin Patientenzusammenfassungen vorbereiten.
Während des Gesprächs kann die Software bei klinischen Entscheidungen unterstützen.
Anschließend übernimmt sie Teile der Dokumentation und Kodierung.
Tandem will damit verschiedene Arbeitsschritte rund um einen Patiententermin in einem System zusammenführen.
Vom digitalen Protokollführer zum Praxis-Betriebssystem
Genau an dieser Stelle wird die neue Finanzierungsrunde besonders interessant.
Tandem möchte nicht dauerhaft nur ein KI-Programm sein, das Arztgespräche dokumentiert.
Das Unternehmen spricht inzwischen von einem „AI-native Clinic Operating System“.
Vereinfacht gesagt soll die KI zu einer zentralen Softwareebene innerhalb medizinischer Einrichtungen werden.
Neben Dokumentation, Kodierung und Entscheidungsunterstützung sollen künftig weitere Bereiche hinzukommen.
Das Unternehmen nennt beispielsweise die Steuerung von Patientenströmen und KI-Agenten, die zusätzliche klinische Aufgaben übernehmen können.
Damit würde Tandem versuchen, wesentlich tiefer in die Abläufe von Arztpraxen und Kliniken vorzudringen.
Bereits in 14 europäischen Märkten
Bemerkenswert ist auch die Geschwindigkeit der Expansion.
Tandem wurde 2023 von Lukas Saari, Oscar Boldt-Christmas und Oliver Åstrand gegründet.
Inzwischen unterhält das Unternehmen nach eigenen Angaben Niederlassungen beziehungsweise lokale Präsenz in 14 europäischen Ländern.
Dazu gehören Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien, die Niederlande und Schweden sowie Finnland, Norwegen, Dänemark, Belgien, Portugal, Estland und Litauen.
Nach Angaben des Unternehmens nutzen inzwischen mehr als 10.000 Versorgungseinrichtungen Tandem.
Zu den genannten Anwendern beziehungsweise Partnern gehören große Gesundheitsorganisationen wie Ramsay Santé, Humanitas und der britische NHS.
Deutschland gehört ausdrücklich zum Expansionsmarkt
Für den deutschen Markt ist die Entwicklung ebenfalls relevant.
Tandem bietet seine Software bereits auf Deutsch an und nennt Deutschland ausdrücklich als einen seiner europäischen Märkte.
Gerade bei medizinischer KI spielt dabei nicht nur die Sprache eine Rolle.
Gesundheitssysteme unterscheiden sich zwischen europäischen Ländern erheblich – etwa bei Dokumentation, Abrechnung, Datenschutz und regulatorischen Anforderungen.
Tandem verfolgt deshalb nach eigener Darstellung einen lokalen europäischen Ansatz statt einer ursprünglich für einen anderen Markt entwickelten Software, die anschließend lediglich für Europa angepasst wird.
Medizin-KI muss strengere Anforderungen erfüllen
Bei einem gewöhnlichen KI-Chatbot wäre eine falsche Antwort ärgerlich.
Bei Software, die Ärzte bei medizinischen Entscheidungen unterstützt, können die Konsequenzen erheblich größer sein.
Entsprechend wichtig ist die regulatorische Seite.
Tandem gibt an, dass drei seiner Produkte – KI-Dokumentationsassistent, Kodierassistent und klinische Entscheidungsunterstützung – als Medizinprodukte der Klasse IIa nach der europäischen Medizinprodukteverordnung zertifiziert beziehungsweise CE-gekennzeichnet sind.
Hinzu kommen nach Unternehmensangaben verschiedene Zertifizierungen und Sicherheitsstandards, darunter ISO 27001, ISO 13485 und ISO 42001. Für Deutschland nennt Tandem außerdem eine C5-Testierung nach dem Kriterienkatalog des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik.
Patientendaten sollen in Europa bleiben
Besonders sensibel ist die Frage, was mit den medizinischen Daten geschieht.
Tandem erklärt, dass Patientendaten innerhalb Europas verarbeitet und gespeichert werden.
Auch die während eines Gesprächs entstehenden Audioaufnahmen sollen nach Abschluss der Transkription gelöscht und nicht dauerhaft gespeichert werden.
Gerade bei der Expansion in Kliniken und großen Gesundheitssystemen dürfte die Frage der Datenhaltung ein entscheidender Faktor sein.
Denn ein KI-System, das tief in medizinische Arbeitsabläufe integriert wird, verarbeitet potenziell besonders sensible Informationen.
Mehr als 100 Schnittstellen zu bestehenden Systemen
Ein weiteres Problem bei der Digitalisierung von Arztpraxen ist die bestehende Softwarelandschaft.
Eine neue KI nützt wenig, wenn Ärzte anschließend Informationen manuell von einem Programm in ein anderes kopieren müssen.
Tandem gibt an, mittlerweile mehr als 100 Integrationen in medizinische Dokumentations- beziehungsweise Record-Systeme anzubieten.
Notizen, Codes und andere Dokumente können dadurch direkt in vorhandene Systeme übertragen werden.
Damit versucht das Startup, seine KI nicht als zusätzliche Insellösung, sondern als Bestandteil bestehender medizinischer IT zu etablieren.
KI soll Ärzten Verwaltungsarbeit abnehmen
Tandem verweist zudem auf Forschungsergebnisse zur Nutzung seines Systems.
Nach Angaben des Unternehmens zeigten Untersuchungen bei Nutzern eine Reduzierung der für administrative Aufgaben benötigten Zeit um 29 Prozent.
Außerdem seien die Arbeitszufriedenheit um 30 Prozent gestiegen und der administrative Stress um 30 Prozent zurückgegangen.
Solche Ergebnisse sind allerdings nicht gleichbedeutend damit, dass dieselben Effekte in jeder Praxis oder Klinik auftreten. Arbeitsabläufe, Fachrichtungen und IT-Systeme unterscheiden sich erheblich.
Sie zeigen aber, worauf der wirtschaftliche Nutzen solcher Systeme abzielt: Ärzte sollen weniger Zeit mit Dokumentation verbringen und mehr Zeit für die eigentliche Versorgung gewinnen.
Rund 100 Mediziner arbeiten inzwischen für Tandem
Interessant ist auch die Zusammensetzung des Unternehmens.
Tandem spricht mittlerweile von einem Team aus rund 100 internen Medizinern, das an Entwicklung und Anpassung der Produkte beteiligt ist.
Mit dem frischen Kapital soll dieses Team weiter wachsen.
Gleichzeitig will Tandem seine Präsenz in den europäischen Märkten ausbauen und zusätzliche Teile des klinischen Arbeitsablaufs in die Plattform integrieren.
Europas Gesundheitssysteme werden zum Milliardenmarkt für KI
Hinter der 100-Millionen-Dollar-Runde steht deshalb eine größere Wette.
Tandem und seine Investoren gehen davon aus, dass künstliche Intelligenz nicht nur einzelne Verwaltungsaufgaben in Arztpraxen automatisieren wird.
Sie könnte zu einer grundlegenden Softwareebene des Gesundheitssystems werden.
Das erklärt auch, warum der neue Investor nicht lediglich die Weiterentwicklung eines digitalen Schreibassistenten finanziert.
Der Scaleup Europe Fund setzt darauf, dass aus Tandem eine große europäische Technologieplattform entstehen kann.
EQT verweist dabei auf eine der größten Herausforderungen des Marktes: Europa besitzt kein einheitliches Gesundheitssystem. Unterschiedliche Länder haben unterschiedliche regulatorische Vorgaben, Erstattungsmodelle und Versorgungsstrukturen.
Tandem habe bereits gezeigt, dass sich seine Technologie trotzdem über verschiedene europäische Märkte hinweg skalieren lasse.
86,5 Millionen Euro für den nächsten Schritt
Für Tandem beginnt mit der Finanzierungsrunde deshalb eine entscheidende Phase.
Das Startup hat den ersten Schritt bereits geschafft: Eine KI zur medizinischen Dokumentation wird inzwischen in Tausenden Einrichtungen eingesetzt.
Jetzt soll daraus wesentlich mehr werden.
Patiententermine vorbereiten, Gespräche dokumentieren, medizinische Codes erstellen, Entscheidungen unterstützen, Patientenströme koordinieren und weitere Aufgaben durch KI-Agenten erledigen lassen: Wenn Tandems Plan aufgeht, könnte seine Software künftig einen erheblichen Teil der digitalen Abläufe einer Arztpraxis oder Klinik begleiten.
Dafür stehen nun weitere 100 Millionen Dollar beziehungsweise rund 86,5 Millionen Euro zur Verfügung.
Aus einem 2023 gegründeten Stockholmer Startup soll damit innerhalb weniger Jahre eine zentrale KI-Plattform für das europäische Gesundheitswesen werden.
Ob Tandem dieses ambitionierte Ziel erreicht, ist offen. Fest steht jedoch: Mit insgesamt rund 160 Millionen Dollar eingesammeltem Kapital und bereits mehr als 10.000 versorgten Einrichtungen gehört das Unternehmen inzwischen zu den auffälligsten europäischen Startups im Rennen um die medizinische KI.


