Alfred Wieder fordert eigene Startup-Fonds der reichsten Schweizer Kantone
Der Schweizer Venture-Capital-Markt verliert an Schwung. Für Alfred Wieder, Herausgeber der Deutschen Startup Zeitung, ist das ein deutliches Warnsignal. Er fordert deshalb die wirtschaftlich stärksten Kantone der Schweiz auf, jeweils einen eigenen Startup-Fonds aufzulegen und damit gezielt in innovative Unternehmen aus ihrer Region zu investieren.
Im ersten Halbjahr 2026 flossen rund 1,245 Milliarden Schweizer Franken in 123 Finanzierungsrunden. Damit sank das Investitionsvolumen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 15,5 Prozent, während die Zahl der abgeschlossenen Runden nahezu unverändert blieb. Der leichte Aufwärtstrend des Jahres 2025 setzte sich somit nicht fort.
„Die Schweiz verfügt über enorme wirtschaftliche Ressourcen, aber ein Teil dieses Kapitals erreicht junge Unternehmen nicht“, kritisiert Wieder. Besonders die ressourcenstarken Kantone Zug, Schwyz, Genf, Nidwalden, Basel-Stadt, Schaffhausen, Zürich, Obwalden und Appenzell Innerrhoden seien gefordert. Sie liegen nach den genannten Zahlen beim Ressourcenindex des Finanzausgleichs über dem Schweizer Durchschnitt.
Wieder schlägt vor, dass jeder dieser Kantone einen professionell geführten Startup-Fonds gründet. Die Fonds sollten nicht als klassische staatliche Förderprogramme organisiert werden, sondern gemeinsam mit erfahrenen privaten Investoren arbeiten. Öffentliche Mittel könnten dabei als Ankerkapital dienen und zusätzliches Kapital von Banken, Pensionskassen, Unternehmen und vermögenden Privatinvestoren mobilisieren.
„Es geht nicht darum, ungeprüft Steuergeld zu verteilen“, betont Wieder. „Es geht darum, privates Kapital zu aktivieren, Risiken zu teilen und dafür zu sorgen, dass erfolgversprechende Unternehmen nicht aus Kapitalmangel ins Ausland abwandern.“
Der Swiss Venture Capital Report zeigt, dass Investoren weiterhin sehr selektiv vorgehen. Vor allem große Biotech- und KI-Finanzierungen fehlten im ersten Halbjahr. Hardware-Startups stellten dagegen mit mehr als 324 Millionen Franken einen neuen Finanzierungsrekord auf, während das investierte Kapital im Biotech-Sektor um mehr als 70 Prozent auf rund 184 Millionen Franken einbrach.
Positiv entwickelte sich die Seed-Finanzierung. Das investierte Kapital stieg dort um 68,8 Prozent auf 156 Millionen Franken. Da die Zahl der Runden nahezu gleich blieb, erreichte die mediane Finanzierungsrunde mit 2,7 Millionen Franken einen historischen Höchststand. Das zeige jedoch auch, dass nur eine begrenzte Zahl junger Unternehmen tatsächlich Kapital erhalte.
Auch regional bestehen deutliche Unterschiede. Der Kanton Waadt führte mit mehr als 330 Millionen Franken, insbesondere dank seiner starken Hardware-Unternehmen. Zürich verzeichnete dagegen das niedrigste Investitionsniveau seit 2018. Zug und Schwyz profitierten von einzelnen großen Finanzierungsrunden.
Nach Ansicht Wieders könnten kantonale Fonds genau an dieser Stelle ansetzen. Sie sollten regionale Hochschulen, Forschungsinstitute, Gründerzentren und Unternehmen miteinander verbinden. Zug könnte beispielsweise Fintech-, Blockchain- und KI-Unternehmen fördern, Basel-Stadt den Life-Sciences-Bereich stärken und Zürich gezielt in Robotik, Software und Deeptech investieren.
Dringenden Handlungsbedarf sieht Wieder zudem bei Gründerinnen. Im ersten Halbjahr 2026 gingen nur etwas mehr als sieben Prozent des investierten Kapitals an Startups mit weiblichen CEOs. Mehr als 88 Prozent des gesamten Kapitals flossen an Unternehmen mit ausschließlich männlichen Managementteams.
Trotz des Rückgangs ist die Stimmung unter Investoren überraschend optimistisch: 82 Prozent wollen in den kommenden zwölf Monaten mehr investieren, 90 Prozent erwarten zusätzliche Investitionsmöglichkeiten und 78 Prozent rechnen mit besseren Exit-Chancen.
Für Wieder reicht Optimismus allein jedoch nicht aus: „Die reichsten Kantone profitieren seit Jahrzehnten von erfolgreichen Unternehmen und hohen Steuereinnahmen. Jetzt sollten sie einen Teil ihrer Stärke einsetzen, um die nächste Generation Schweizer Unternehmen aufzubauen. Wer heute nicht in Startups investiert, riskiert morgen Arbeitsplätze, Innovationen und Steuereinnahmen zu verlieren.“


