Alfred Wieder: „Mehr Kapital ist ein gutes Signal – aber noch kein Grund zur Selbstzufriedenheit“
Deutsche Start-ups haben im ersten Halbjahr 2026 rund 5,3 Milliarden Euro Wagniskapital eingesammelt. Das entspricht einem Zuwachs von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig sank die Zahl der Finanzierungsrunden um elf Prozent. Im Interview ordnet VC-Spezialist Alfred Wieder die Entwicklung ein und erklärt, warum Berlin und Baden-Württemberg Bayern beim eingesammelten Kapital überholt haben.
Herr Wieder, deutsche Start-ups haben im ersten Halbjahr 2026 deutlich mehr Wagniskapital erhalten. Ist die Krise der Branche damit überwunden?
Das wäre eine zu optimistische Schlussfolgerung. Ein Anstieg des investierten Kapitals um 14 Prozent ist zunächst ein erfreuliches Signal. Er zeigt, dass Investoren weiterhin bereit sind, erhebliche Summen in innovative Geschäftsmodelle zu investieren.
Gleichzeitig ist die Zahl der Finanzierungsrunden um elf Prozent auf 354 Abschlüsse gesunken. Es wurde also mehr Geld in weniger Unternehmen investiert. Davon profitieren vor allem größere und bereits etabliertere Start-ups. Für junge Unternehmen in frühen Entwicklungsphasen bleibt die Finanzierungssituation anspruchsvoll.
Wie bewerten Sie die insgesamt eingesammelten 5,3 Milliarden Euro?
Das Volumen zeigt, dass Deutschland als Innovationsstandort weiterhin attraktiv ist. Es gibt hier starke Universitäten, erfahrene Gründer, eine leistungsfähige Industrie und zunehmend auch international wettbewerbsfähige Technologieunternehmen.
Allerdings muss man die Zahl im internationalen Vergleich betrachten. Deutschland verfügt über eine der größten Volkswirtschaften der Welt, schöpft sein Potenzial bei der Finanzierung wachstumsstarker Unternehmen aber noch nicht vollständig aus. Gerade bei großen Finanzierungsrunden sind deutsche Start-ups weiterhin häufig auf ausländische Investoren angewiesen.
Berlin hat mit fast 1,7 Milliarden Euro wieder die Spitzenposition übernommen. Was macht die Hauptstadt so attraktiv?
Berlin besitzt ein über viele Jahre gewachsenes Start-up-Ökosystem. Dort finden Gründer vergleichsweise leicht erfahrene Mitarbeiter, Investoren, Berater und andere Unternehmer. Zudem ist die Stadt international geprägt und für Fachkräfte aus dem Ausland attraktiv.
Dieser Netzwerkeffekt darf nicht unterschätzt werden. Kapital fließt häufig dorthin, wo bereits erfolgreiche Unternehmen, erfahrene Gründer und spezialisierte Investoren vorhanden sind. Berlin profitiert davon, dass sich diese Strukturen gegenseitig verstärken.
Baden-Württemberg liegt mit rund 1,6 Milliarden Euro nur knapp hinter Berlin. Überrascht Sie diese Entwicklung?
Nein. Baden-Württemberg verfügt über eine außergewöhnlich starke industrielle Basis. Das Land ist besonders interessant für Unternehmen aus den Bereichen Maschinenbau, Mobilität, Automatisierung, industrielle Software, Robotik und künstliche Intelligenz.
Viele Start-ups können dort direkt mit etablierten Industrieunternehmen zusammenarbeiten. Sie erhalten Zugang zu Kunden, Produktionswissen und konkreten Anwendungsfällen. Das ist gerade bei technologieintensiven Geschäftsmodellen ein entscheidender Vorteil.
Baden-Württemberg zeigt, dass erfolgreiche Gründungsstandorte nicht zwangsläufig nach dem klassischen Berliner Start-up-Modell funktionieren müssen.
Bayern kommt mit rund 1,1 Milliarden Euro nur noch auf den dritten Platz. Hat der Freistaat an Attraktivität verloren?
Aus den Halbjahreszahlen allein lässt sich das nicht ableiten. Das Investitionsvolumen kann stark von einzelnen großen Finanzierungsrunden beeinflusst werden. Bereits ein oder zwei bedeutende Abschlüsse können die regionale Rangfolge verändern.
Bayern bleibt mit München als Zentrum für Technologie, Software, Biotechnologie und industrielle Innovation ein sehr bedeutender Standort. Dennoch zeigen die Zahlen, dass der Wettbewerb zwischen den Regionen zunimmt. Kein Bundesland kann sich dauerhaft auf seinem bisherigen Ruf ausruhen.
Was können Berlin und Baden-Württemberg derzeit besser als Bayern?
Berlin verfügt über eine besonders hohe Dichte an Gründern, internationalen Fachkräften und Risikokapitalgebern. Baden-Württemberg kann wiederum seine enge Verbindung zwischen Forschung, Mittelstand und Großindustrie ausspielen.
Bayern besitzt ebenfalls hervorragende Voraussetzungen. Entscheidend wird sein, wie schnell aus Forschungsergebnissen marktfähige Unternehmen entstehen, wie unbürokratisch Gründungen möglich sind und ob ausreichend privates Wachstumskapital mobilisiert werden kann.
Der Wettbewerb wird nicht allein durch Förderprogramme entschieden. Gründer benötigen schnelle Entscheidungen, qualifizierte Mitarbeiter, zahlungsbereite Kunden und Investoren, die auch große Wachstumsphasen finanzieren können.
Warum sinkt die Zahl der Finanzierungsrunden, obwohl mehr Geld investiert wird?
Investoren sind selektiver geworden. Sie prüfen Geschäftsmodelle, Umsatzentwicklung und Kapitalbedarf deutlich kritischer als in der Phase sehr niedriger Zinsen.
Kapital fließt verstärkt in Unternehmen, die bereits belastbare Ergebnisse vorweisen können. Start-ups ohne klare Marktperspektive oder mit dauerhaft hohem Finanzierungsbedarf haben es schwerer.
Das ist grundsätzlich nicht negativ. Eine sorgfältigere Auswahl kann die Qualität des Marktes verbessern. Problematisch wird es jedoch, wenn innovative Unternehmen in einer frühen Phase kein Kapital erhalten, obwohl ihre Technologie langfristig großes Potenzial besitzt.
Welche Start-ups leiden besonders unter dieser Entwicklung?
Betroffen sind vor allem Unternehmen in der Frühphase sowie Start-ups mit langen Entwicklungszeiten. Dazu gehören beispielsweise Firmen aus der Biotechnologie, Medizintechnik, Energietechnik oder industriellen Forschung.
Diese Unternehmen benötigen oft viel Kapital, bevor sie relevante Umsätze erzielen können. Klassische Finanzkennzahlen helfen bei ihrer Bewertung nur begrenzt. Investoren müssen technologische Risiken verstehen und bereit sein, über längere Zeiträume zu denken.
Deutschland ist in diesen Bereichen wissenschaftlich stark, verliert aber immer wieder Unternehmen, weil spätere Finanzierungsrunden nicht ausreichend unterstützt werden können.
Braucht Deutschland mehr staatliches Wagniskapital?
Der Staat kann eine wichtige Rolle übernehmen, sollte privates Kapital aber nicht ersetzen. Sinnvoll sind Modelle, bei denen öffentliche Mittel private Investitionen mobilisieren und Risiken teilweise absichern.
Entscheidend ist, dass erfolgreiche Unternehmen auch in Deutschland größere Finanzierungsrunden erhalten können. Dafür müssen institutionelle Anleger wie Versicherungen, Versorgungswerke und Pensionskassen stärker für Wagniskapital gewonnen werden.
In anderen Ländern fließt ein deutlich größerer Teil langfristig angelegten Kapitals in innovative Wachstumsunternehmen. Deutschland muss hier aufholen.
Was muss sich politisch verbessern?
Gründungen müssen schneller und einfacher möglich sein. Genehmigungsverfahren, Mitarbeiterbeteiligungen und steuerliche Regelungen sollten praxistauglicher gestaltet werden.
Außerdem braucht Deutschland bessere Bedingungen für Börsengänge und andere Ausstiegsmöglichkeiten. Investoren stellen nur dann dauerhaft Kapital bereit, wenn sie realistische Chancen haben, ihre Beteiligungen später erfolgreich zu veräußern.
Nicht zuletzt muss Europa einen größeren gemeinsamen Kapitalmarkt schaffen. Nationale Einzellösungen reichen für die Finanzierung international wachsender Technologieunternehmen häufig nicht aus.
Wie lautet Ihr Fazit zu den aktuellen Zahlen?
Der Zuwachs auf 5,3 Milliarden Euro ist positiv. Berlin und Baden-Württemberg zeigen, dass starke regionale Ökosysteme Kapital anziehen können. Gleichzeitig macht die sinkende Zahl der Finanzierungsrunden deutlich, dass der Aufschwung nicht alle Start-ups erreicht.
Deutschland hat gute Voraussetzungen, um mehr international erfolgreiche Unternehmen hervorzubringen. Dafür genügt es aber nicht, einzelne Rekordfinanzierungen zu feiern. Entscheidend ist, ob junge Unternehmen in allen Entwicklungsphasen ausreichend Kapital erhalten und langfristig von Deutschland aus wachsen können.


