Amerika ohne die USA: Millionen für Brasiliens FinTechs, neue KI-Startups und Kanadas nächste Technologieunternehmen
Auch außerhalb der Vereinigten Staaten ist die Startup-Szene auf dem amerikanischen Kontinent zwischen dem 20. und 26. September 2026 in Bewegung. Brasilien liefert mehrere Finanzierungs- und ClimateTech-Meldungen, Kanada verzeichnet neue Millionenrunden in Software und Gesundheit, während sich in Lateinamerika KI, FinTech, Bildung und Klimaschutz als zentrale Investitionsthemen herauskristallisieren.
Lateinamerikas Startup-Szene bleibt stark von Brasilien geprägt.
Eine der wichtigsten aktuellen Meldungen kommt von NG.CASH. Das brasilianische FinTech hat eine strategische Investition über 15 Millionen Dollar erhalten. Blockchain Capital führte die Finanzierung an. Damit steigt das bislang eingesammelte Kapital des Unternehmens auf mehr als 65 Millionen Dollar.
NG.CASH richtet sich mit seinen digitalen Finanzdienstleistungen insbesondere an jüngere Kunden und arbeitet gleichzeitig daran, sein Angebot innerhalb des brasilianischen Finanzsystems auszubauen.
Der Deal unterstreicht eine Besonderheit Lateinamerikas: FinTech bleibt dort wesentlich stärker als in vielen europäischen Startup-Märkten.
Das liegt auch daran, dass digitale Finanzunternehmen in Lateinamerika häufig Probleme lösen, die in Europa längst durch etablierte Bankinfrastruktur abgedeckt werden.
Mombak will den Amazonas zum Geschäftsmodell für CO₂-Entfernung machen
Eine der international interessantesten Meldungen kommt ebenfalls aus Brasilien.
Das ClimateTech-Unternehmen Mombak hat den ersten Abschluss seines zweiten Aufforstungsfonds bekannt gegeben. Der Amazon Reforestation Fund II soll insgesamt 150 Millionen Dollar einsammeln.
Zusätzlich steht eine Kreditlinie des brasilianischen Klimafonds über 200 Millionen Real beziehungsweise knapp 39 Millionen Dollar zur Verfügung.
Das Geschäftsmodell basiert auf Wiederaufforstung.
Mombak kauft beziehungsweise entwickelt Flächen im brasilianischen Amazonasgebiet, pflanzt dort einheimische Bäume und verkauft anschließend CO₂-Entfernungszertifikate an Unternehmen.
Mit Salesforce wurde nun ein mehrjähriger Abnahmevertrag vereinbart. Zu den bisherigen Käufern gehören bereits große Technologieunternehmen wie Google und Microsoft.
Mit seinem ersten, 120 Millionen Dollar schweren Fonds hat Mombak nach eigenen Angaben auf 15 Farmen bereits fast 15 Millionen einheimische Bäume gepflanzt.
Das Unternehmen erwartet bis Ende 2026 die Ausgabe von rund 80.000 Tonnen an CO₂-Entfernungszertifikaten aus Wiederaufforstungsprojekten.
Damit entwickelt sich in Brasilien eine ungewöhnliche neue Startup-Kategorie: Unternehmen versuchen, den Schutz beziehungsweise die Wiederherstellung des Amazonas mit einem skalierbaren Geschäftsmodell für CO₂-Zertifikate zu verbinden.
Eine Million Real für brasilianisches Bildungs-Startup
Auch im Bildungsbereich gibt es Bewegung.
Das brasilianische EdTech AMentoria hat eine Seed-Runde über eine Million Real abgeschlossen.
Das Unternehmen konzentriert sich auf die Vorbereitung von Schülern auf den brasilianischen Hochschulzugang und andere Prüfungen. Das neue Kapital soll in Technologie, Vertrieb und geografische Expansion investiert werden.
Gerade EdTech bleibt in Lateinamerika interessant, weil digitale Plattformen Bildungsangebote wesentlich schneller über große geografische Distanzen skalieren können als klassische Bildungseinrichtungen.
Zwei Millionen Dollar für digitale Schulkantinen
Mit OrderEAT taucht ein weiteres interessantes Geschäftsmodell auf.
Das Unternehmen sammelte zwei Millionen Dollar ein. Die Runde wurde von Chile Ventures angeführt; weitere Investoren beteiligten sich ebenfalls.
OrderEAT digitalisiert Schulkantinen und will mit dem Kapital seine Expansion in Lateinamerika beschleunigen.
Das Beispiel zeigt, dass erfolgreiche Startup-Ideen nicht zwangsläufig revolutionär klingen müssen.
Gerade die Digitalisierung alltäglicher Prozesse – Schulessen, Bezahlung, Bestellungen und Verwaltung – kann in großen regionalen Märkten erhebliche Skalierungsmöglichkeiten bieten.
KI-Verkäufer aus Brasilien
Auch der weltweite KI-Agenten-Trend erreicht Lateinamerika.
Das brasilianische Unternehmen Nuvia hat 1,8 Millionen Dollar Seed-Kapital eingesammelt. Das Geld soll genutzt werden, um KI-basierte Vertriebs- und Kundenservice-Agenten in Lateinamerika auszubauen.
Die Software verbindet unter anderem WhatsApp, Instagram, Sprachkommunikation und CRM-Systeme. Derzeit befindet sich der überwiegende Teil der Kunden in Brasilien; gleichzeitig expandiert das Unternehmen nach Mexiko und Kolumbien.
Gerade WhatsApp besitzt für solche Geschäftsmodelle enorme Bedeutung, weil der Messenger in vielen lateinamerikanischen Ländern eine wesentlich größere Rolle bei der Kommunikation zwischen Kunden und Unternehmen spielt als beispielsweise in Deutschland.
Lateinamerika baut eine neue Generation von KI-Gründern auf
Neben einzelnen Finanzierungsrunden entstehen neue Programme für Startup-Gründer.
Am 24. September wurde mit „The Next Gen Builder“ ein sechsmonatiges Programm für KI-native Gründer in Lateinamerika angekündigt. Das Programm soll kostenlos und ohne Abgabe von Unternehmensanteilen angeboten werden.
Solche Initiativen zeigen, dass die Region versucht, beim nächsten Technologiesprung früher dabei zu sein.
Lateinamerika hatte zwar zahlreiche erfolgreiche FinTech-, Lieferdienst- und E-Commerce-Unternehmen hervorgebracht, spielte bei der Entwicklung grundlegender KI-Technologie bislang aber eine deutlich kleinere Rolle als die USA, Europa oder China.
Das soll sich ändern.
Kanada: Millionen für Gesundheit und Unternehmenssoftware
Auch Kanada liefert in dieser Woche mehrere neue Finanzierungen.
Das Gesundheitsunternehmen Bird&Be wurde am 22. September mit einer Series-A-Finanzierung über 13 Millionen Dollar erfasst.
Ebenfalls aus dem Gesundheitsbereich kommt Blair Health, das 4,2 Millionen Dollar Pre-Seed-Kapital erhielt.
Im Softwarebereich sammelte Thri5 aus Toronto 5,4 Millionen Dollar Seed-Kapital ein.
Das Unternehmen entwickelt eine KI-basierte Plattform für Einzelhändler. Sie soll analysieren, wie Arbeitsprozesse tatsächlich ablaufen, wo wirtschaftlicher Wert verloren geht und wie Entscheidungen aus Unternehmenszentralen besser in den Filialbetrieb übertragen werden können.
Am 24. September wurde außerdem für Axya eine Series-A-Runde über zwölf Millionen Dollar registriert. Auch Astrus erscheint in den aktuellen kanadischen Finanzierungsdaten mit einer Series-A-Runde über zwölf Millionen Dollar.
Damit zeigt sich zwischen Kanada und Lateinamerika ein deutlicher Unterschied.
Kanadas Startup-Markt ähnelt strukturell stärker dem der Vereinigten Staaten: KI, Software, Life Sciences und B2B-Technologie dominieren.
Lateinamerika dagegen verbindet neue Technologien stärker mit grundlegenden regionalen Problemen – Finanzdienstleistungen, Bildung, Handel, Kommunikation und zunehmend Klimaschutz.
Gerade diese Mischung macht den amerikanischen Startup-Markt außerhalb der USA interessant: Während Kanada technologisch eng mit den Vereinigten Staaten verbunden bleibt, entwickelt Lateinamerika zunehmend eigene Geschäftsmodelle für einen Markt mit mehr als 600 Millionen Menschen.


