Bits & Pretzels 2026 in München: KI, Deeptech und Defense prägen Deutschlands neuen Gründerboom
In München trifft sich derzeit ein großer Teil der europäischen Start-up-Szene zur Bits & Pretzels 2026.
Das Gründerfestival findet vom 28. bis 30. September statt. Nach Angaben der Veranstalter kommen rund 7.500 Gründer, Investoren und Führungskräfte zusammen. Darunter sind mehr als 3.000 Gründer, über 1.700 Investoren und mehr als 600 Entscheidungsträger aus größeren Unternehmen. Insgesamt sollen während der Veranstaltung rund 21.000 Treffen zwischen Gründern und Investoren stattfinden.
Die ersten beiden Tage finden auf dem Messegelände beziehungsweise im ICM München statt. Der dritte Tag führt die Teilnehmer traditionell auf das Oktoberfest in die Festhalle Schottenhamel.
Mehr als 250 Start-ups präsentieren ihre Geschäftsmodelle
Auf der Ausstellungsfläche präsentieren sich nach Angaben des Veranstalters jährlich mehr als 250 Start-ups.
Das Spektrum reicht 2026 von künstlicher Intelligenz über Cybersicherheit und Datenschutz bis zu Robotik, Gesundheitstechnologien, Raumfahrt und Industrieanwendungen.
Zu den angekündigten Ausstellern gehören unter anderem ADGENTIC AI, amaiko.ai, crowndental.AI, pib.rocks, Panosome, SIGN8, ValueWorks.ai, heyData, Patronus Protect, senaya.AI, TYSARA und Zapdeck.
Allein an dieser Auswahl wird deutlich, wohin sich die Gründerszene bewegt:
Software allein reicht nicht mehr. Gefragt sind Anwendungen, die konkrete Probleme in Unternehmen, Medizin, Sicherheit, Produktion und Infrastruktur lösen.
KI bleibt das dominierende Thema
Künstliche Intelligenz ist auf der Bits & Pretzels kaum noch ein einzelnes Themenfeld.
Sie steckt inzwischen in zahlreichen Geschäftsmodellen gleichzeitig.
Vertreten sind klassische KI-Softwareunternehmen, Anbieter für Automatisierung, Datenschutzlösungen, industrielle KI und Anwendungen für Gesundheitswesen oder Unternehmenssteuerung.
Passend dazu gehören in diesem Jahr auch prominente europäische Technologieunternehmer wie Arthur Mensch von Mistral, Jan Oberhauser von n8n und Max Junestrand von Legora zum Sprecherprogramm. Auch der frühere Google-Chef Eric Schmidt und Uber-Chef Dara Khosrowshahi stehen auf der Rednerliste.
Neu: stärkerer Fokus auf Defense und Sicherheit
Eine auffällige Neuerung ist die eigene Defense Area.
Dort sollen Technologieunternehmen, Investoren und Vertreter aus Beschaffung und Sicherheitsindustrie unmittelbar zusammengebracht werden.
Kuratiert wird der Bereich unter anderem vom Technologiechef von Rheinmetall sowie vom Bundeswehr Cyber Innovation Hub.
Im Mittelpunkt stehen Verteidigungs-, Sicherheits- und Cybertechnologien sowie die Frage, wie junge Technologieunternehmen schneller Zugang zu staatlichen und industriellen Auftraggebern erhalten.
Dass mit Helsing und dem Drohnenhersteller Quantum-Systems zwei der bekanntesten europäischen Defense-Tech-Unternehmen im Programm vertreten sind, zeigt die wachsende Bedeutung dieses Marktes.
Deeptech kommt aus den Forschungslaboren
Ein zweiter großer Schwerpunkt ist Deeptech.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt präsentiert in München sieben Ausgründungen aus seiner Forschung.
Die Unternehmen arbeiten unter anderem an Robotik, Raumfahrttechnik, Edge-KI, neuen Materialien, Erdbeobachtung und erneuerbaren Energien.
Zu den präsentierten Projekten gehören beispielsweise Agile Robots, das den humanoiden Roboter Agile One zeigt, Entrox Systems mit KI direkt auf Industriesteuerungen, ExoMatter mit KI-gestützter Materialentwicklung sowie Terranetik, das Radarsatellitendaten mit künstlicher Intelligenz auswertet, um Schäden an Infrastruktur frühzeitig zu erkennen.
Auch Fraunhofer nutzt die Veranstaltung, um den Transfer wissenschaftlicher Forschung in marktfähige Unternehmen voranzutreiben.
Fraunhofer Venture und der Deeptech-Inkubator AHEAD präsentieren in München Modelle, mit denen Forschungsergebnisse schneller in Ausgründungen und Kooperationen mit Unternehmen überführt werden sollen.
Deutschlands Gründerszene erlebt einen Rekord
Die Bits & Pretzels findet in einem außergewöhnlich dynamischen Jahr für deutsche Start-ups statt.
Zwischen Januar und Juni 2026 wurden in Deutschland 3.053 neue Start-ups gegründet.
Das sind 52 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025 und sogar mehr Neugründungen als im gesamten Jahr 2024.
Es ist der höchste Wert seit Beginn der entsprechenden Erhebung.
Allein im Juni wurden mehr als 600 Unternehmen gegründet – ebenfalls ein Rekord.
Mehr als 1.000 neue Start-ups mit KI-Bezug
Der mit Abstand stärkste Treiber ist künstliche Intelligenz.
Von den 3.053 neuen Unternehmen hatten 1.038 einen klaren KI-Bezug.
Damit beschäftigt sich bereits mehr als jede dritte Neugründung mit KI oder nutzt künstliche Intelligenz als wesentlichen Bestandteil des Geschäftsmodells.
Der Grund liegt auch in stark gesunkenen Einstiegshürden.
Mit bestehenden KI-Modellen, Cloud-Diensten und Softwarewerkzeugen können kleine Teams heute Produkte entwickeln, für die früher deutlich mehr Entwickler, Kapital und Infrastruktur notwendig gewesen wären.
Software ist weiterhin die stärkste Branche
Die größte klassische Start-up-Branche bleibt Software.
Im ersten Halbjahr entstanden 844 neue Softwareunternehmen.
Danach folgen nach verfügbaren Branchenzahlen:
Medizin mit 247 Gründungen, Lebensmittel und Food mit 181 sowie Medien mit 138 neuen Unternehmen.
Daneben gewinnen Industrie, Robotik, Energie, Verteidigung und Deeptech sichtbar an Bedeutung.
Gerade diese Verschiebung ist auf der Bits & Pretzels 2026 deutlich zu erkennen.
Software und KI: große Chancen, aber extremer Wettbewerb
Die Chancen für KI- und Software-Start-ups sind grundsätzlich groß.
Unternehmen aller Branchen suchen nach Lösungen, mit denen Arbeitsabläufe automatisiert, Kosten reduziert und Daten besser genutzt werden können.
Der Vorteil für Gründer:
Software lässt sich häufig schnell international skalieren.
Ist ein Produkt einmal entwickelt, können zusätzliche Kunden vergleichsweise kostengünstig hinzukommen.
Das Problem:
Die Einstiegshürden sinken für alle.
Deshalb entstehen gleichzeitig sehr viele Wettbewerber.
Ein bloßer KI-Chatbot oder ein weiteres allgemeines Automatisierungstool dürfte deshalb langfristig kaum ausreichen.
Die besseren Marktchancen haben Unternehmen, die KI mit spezifischem Branchenwissen, eigenen Daten oder einer schwer kopierbaren Technologie verbinden.
Medizin: riesiger Markt, aber hohe Hürden
MedTech- und HealthTech-Start-ups gehören ebenfalls zu den Gewinnern des derzeitigen Gründungsbooms.
Der Bedarf ist erheblich:
alternde Gesellschaften, Personalmangel im Gesundheitswesen und steigende Behandlungskosten schaffen Nachfrage nach Automatisierung und neuen Diagnostik- und Therapieverfahren.
Die Marktchancen sind deshalb grundsätzlich hoch.
Allerdings dauert der Weg zum Markt meist länger.
Medizinprodukte müssen regulatorische Anforderungen erfüllen, klinische Nachweise erbringen und häufig in bestehende Krankenhaus- oder Versicherungssysteme integriert werden.
Wer diese Hürden überwindet, verfügt allerdings häufig über stärkere Markteintrittsbarrieren als ein reines Softwareunternehmen.
Deeptech: schwer zu gründen, schwer zu kopieren
Besonders interessant ist der wachsende Deeptech-Sektor.
Dazu gehören Robotik, neue Materialien, Raumfahrt, Quantentechnologien, industrielle KI und komplexe Energiesysteme.
Diese Unternehmen brauchen häufig deutlich mehr Kapital und Entwicklungszeit.
Dafür entsteht ein entscheidender Vorteil:
Ihre Technologie lässt sich nicht innerhalb weniger Wochen nachbauen.
Genau deshalb investieren Staaten, Industrieunternehmen und größere Fonds zunehmend in solche Geschäftsmodelle.
Die starke Präsenz von DLR und Fraunhofer auf der Bits & Pretzels zeigt, dass Deutschland hier eine besondere Stärke besitzt: eine große Forschungslandschaft, aus der technische Ausgründungen entstehen können.
Defense-Tech entwickelt sich zu einem neuen Wachstumsmarkt
Besonders stark verändert hat sich der Markt für Sicherheits- und Verteidigungstechnologien.
Was vor wenigen Jahren für viele Investoren noch als schwierig oder problematisch galt, ist inzwischen ein stark wachsender Technologiebereich.
Drohnen, Sensorik, autonome Systeme, Cybersecurity und militärisch nutzbare künstliche Intelligenz gehören zu den gefragten Technologien.
Dass die Bits & Pretzels diesem Bereich erstmals eine eigene große Plattform gibt, ist deshalb mehr als nur eine Programmänderung.
Es zeigt eine Verschiebung innerhalb des europäischen Start-up-Marktes.
GreenTech besitzt Nachfrage – aber ein Finanzierungsproblem
Auch Klima- und Energietechnologien bleiben ein wichtiger Bereich.
In Deutschland lassen sich derzeit rund 2.900 GreenTech-Start-ups identifizieren, darunter knapp 700 Unternehmen im Energiesektor.
München gehört dabei mit 222 GreenTech-Unternehmen zu den größten Standorten Deutschlands.
Der Markt ist grundsätzlich attraktiv:
Stromnetze müssen ausgebaut, Energie gespeichert, Industrieprozesse elektrifiziert und fossile Energieträger ersetzt werden.
Das Problem liegt vor allem beim Kapital.
Nach Berechnungen des Startup-Verbands fehlen deutschen Energie-Start-ups gegenüber amerikanischen Wettbewerbern rund 500 Millionen Euro Finanzierung pro Jahr; für den gesamten GreenTech-Sektor beträgt die Lücke mehr als eine Milliarde Euro.
Food-Start-ups treffen auf einen schwierigen Verbrauchermarkt
Mit 181 Neugründungen gehört auch der Lebensmittelbereich weiterhin zu den großen Start-up-Sektoren.
Die Möglichkeiten reichen von alternativen Proteinen und neuen Lebensmittelmarken bis zu Produktionstechnologien und digitalen Lieferketten.
Der Markt ist riesig – aber schwierig.
Lebensmittel haben häufig geringe Margen, hohe Produktions- und Vertriebskosten und benötigen Zugang zu Supermärkten oder großen Handelsketten.
Erfolgreich sind deshalb vor allem Unternehmen, die entweder eine starke Marke schaffen oder echte technologische Vorteile in Produktion und Logistik besitzen.
Einordnung
Die wichtigste Erkenntnis der Bits & Pretzels 2026 lautet nicht, dass Deutschland plötzlich tausende neue Apps produziert.
Die Gründerszene wird breiter.
KI bleibt der dominante Beschleuniger.
Doch gleichzeitig entstehen mehr Unternehmen in Bereichen wie Robotik, Verteidigung, Raumfahrt, Medizin, Energie und industrielle Produktion.
Genau das könnte für den Wirtschaftsstandort entscheidend sein.
Einordnung: Gründen ist heute einfacher – Skalieren bleibt schwierig
3.053 neue Start-ups innerhalb eines halben Jahres sind ein starkes Signal.
Die entscheidende Frage beginnt jedoch erst danach.
Ein Unternehmen zu gründen ist nicht dasselbe wie ein Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern aufzubauen.
Der Startup-Verband warnt deshalb selbst davor, dass Deutschland zwar immer mehr gute Unternehmen hervorbringt, beim späteren Wachstum aber weiterhin Kapital fehlt.
Hier liegt auch die eigentliche Bedeutung einer Veranstaltung wie Bits & Pretzels.
Mehr als 1.700 Investoren treffen auf tausende Gründer.
Das Ziel ist nicht nur, eine Idee zu präsentieren.
Es geht um die nächste Finanzierungsrunde, den ersten Großkunden oder den Zugang zu internationalen Märkten.
Einordnung: Der deutsche Vorteil liegt im industriellen Umfeld
Deutschland dürfte im globalen Start-up-Wettbewerb kaum gewinnen, indem es einfach nur versucht, das nächste Silicon Valley zu kopieren.
Der größere Vorteil liegt woanders.
Deutschland besitzt Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie, Energieunternehmen, Medizintechnik, Forschungseinrichtungen und eine starke industrielle Kundenbasis.
Gerade Start-ups, die KI mit diesen Bereichen verbinden, können daraus einen Wettbewerbsvorteil entwickeln.
Ein KI-Unternehmen für industrielle Steuerungen oder Materialforschung hat beispielsweise Zugang zu Kunden und Know-how, das ein allgemeiner Softwareanbieter nicht besitzt.
Bewertung
Die Bits & Pretzels 2026 zeigt eine deutsche Start-up-Landschaft, die deutlich selbstbewusster geworden ist.
Besonders auffällig sind drei Entwicklungen:
KI wird zur Basistechnologie nahezu aller Branchen.
Deeptech und industrielle Anwendungen gewinnen gegenüber reinen Apps an Bedeutung.
Defense- und Sicherheitstechnologien werden zu einem eigenen großen Investitionsfeld.
Das größte Risiko liegt nicht mehr darin, dass in Deutschland zu wenig gegründet wird.
Mit mehr als 3.000 Neugründungen in sechs Monaten ist das Gegenteil der Fall.
Die entscheidende Herausforderung lautet nun:
Welche dieser Unternehmen schaffen den Sprung vom Start-up zum international bedeutenden Technologieunternehmen?
Fazit
Bits & Pretzels ist 2026 mehr als eine Gründerkonferenz mit Oktoberfest-Anschluss.
Die Veranstaltung zeigt ziemlich genau, wohin sich die deutsche Technologiebranche bewegt.
Mehr als 250 ausstellende Start-ups treffen in München auf rund 1.700 Investoren, internationale Technologieunternehmen und hunderte Entscheider aus der Industrie.
Parallel erlebt Deutschland einen historischen Gründungsboom.
3.053 neue Start-ups entstanden allein im ersten Halbjahr 2026.
1.038 davon besitzen einen klaren KI-Bezug.
Software führt weiterhin die Statistik an, doch Medizin, Food, Robotik, Raumfahrt, Energie, Deeptech und Sicherheit werden zunehmend wichtiger.
Die Chancen sind erheblich.
Aber aus 3.000 neuen Firmen entstehen nicht automatisch 3.000 Erfolgsgeschichten.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Deutschland nicht nur ein Land der Gründungen wird – sondern auch ein Land, in dem aus jungen Technologieunternehmen tatsächlich globale Marktführer entstehen.


