Interview mit Alfred Wieder: „Quantencomputer sind kein kurzfristiger Hype, sondern eine strategische Langfristwette“
Quantencomputer gelten als eine der wichtigsten Zukunftstechnologien der kommenden Jahrzehnte. Sie versprechen enorme Rechenleistung für komplexe Probleme in Bereichen wie Materialforschung, Pharma, Chemie, Logistik, Kryptografie, Finanzmodellierung und Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig ist der Markt hochriskant: Viele Technologien befinden sich noch in der Entwicklung, kommerzielle Anwendungen sind begrenzt, und der Kapitalbedarf ist enorm. Wir haben mit Alfred Wieder über Chancen, Risiken und Investmentstrategien bei Quantencomputer-Startups gesprochen.
Frage: Herr Wieder, warum interessieren sich Investoren derzeit so stark für Quantencomputer-Startups?
Alfred Wieder: Quantencomputer gehören zu den wenigen Technologien, die langfristig ganze Industrien verändern können. Es geht nicht um eine bessere App oder ein effizienteres Softwaretool, sondern um eine neue Rechenarchitektur. Wenn Quantencomputer bestimmte Probleme schneller lösen können als klassische Computer, entstehen völlig neue Möglichkeiten – etwa in der Medikamentenentwicklung, bei Batterien, Materialien, Verschlüsselung, Optimierung oder Simulationen. Genau dieses disruptive Potenzial macht den Bereich für Investoren so interessant.
Frage: Ist das bereits ein kommerzieller Markt oder eher noch Forschung?
Alfred Wieder: Es ist beides. Die wissenschaftliche Grundlage ist da, und es gibt bereits erste kommerzielle Anwendungen, vor allem in Simulation, Optimierung, Sicherheitssoftware und Cloud-Zugängen zu Quantenhardware. Aber der große Durchbruch – also fehlertolerante, breit einsetzbare Quantencomputer – steht noch aus. Deshalb ist Quantum Computing für Investoren vor allem eine strategische Langfristwette.
Frage: Wie groß ist das Investoreninteresse tatsächlich?
Alfred Wieder: Es ist deutlich gewachsen. Nach aktuellen Marktanalysen erreichten Investitionen in Quantum-Technology-Startups 2025 neue Höchststände. McKinsey spricht für 2025 von 12,6 Milliarden US-Dollar Investment in Quantum-Technology-Startups, wobei rund 90 Prozent in Quantencomputing flossen. Andere Branchenauswertungen zeigen ebenfalls, dass Venture Capital in Quantum stark zugenommen hat und sich zunehmend auf Hardware und skalierbare Plattformen konzentriert.
Frage: Welche Arten von Quantencomputer-Startups sind für Investoren besonders spannend?
Alfred Wieder: Man muss unterscheiden. Es gibt Hardware-Unternehmen, die direkt an Quantenprozessoren arbeiten. Dann gibt es Software- und Algorithmus-Startups, die Anwendungen für bestimmte Branchen entwickeln. Drittens gibt es Infrastrukturunternehmen – etwa für Kryotechnik, Photonik, Steuerungselektronik, Fehlerkorrektur oder Quantenkommunikation. Aus Investorensicht sind nicht nur die reinen Computerbauer spannend, sondern auch die Zulieferer und Enabler des gesamten Ökosystems.
Frage: Warum ist Hardware so kapitalintensiv?
Alfred Wieder: Weil Quantenhardware extrem anspruchsvoll ist. Man braucht Labore, Spezialisten, Patente, komplexe Fertigung, oft Kryotechnik, Reinräume, Steuerungssysteme und lange Entwicklungszyklen. Das ist nicht mit einem klassischen Software-Startup vergleichbar. Ein Quantum-Hardware-Startup kann über Jahre hohe Summen benötigen, bevor ein wirklich skalierbares Produkt entsteht.
Frage: Welche Technologien konkurrieren derzeit?
Alfred Wieder: Es gibt mehrere Ansätze: supraleitende Qubits, Ionenfallen, Photonik, neutrale Atome, Spin-Qubits und weitere Spezialarchitekturen. Noch ist nicht entschieden, welcher Ansatz sich langfristig durchsetzt. Genau das macht Investments so spannend – aber auch riskant. Wer heute investiert, wettet nicht nur auf ein Unternehmen, sondern oft auch auf eine technologische Architektur.
Frage: Welche Architektur wirkt derzeit besonders attraktiv?
Alfred Wieder: Photonik hat zuletzt viel Aufmerksamkeit bekommen, weil sie Investoren an bekannte industrielle Strukturen erinnert: Chips, Optik, Rechenzentren, Fertigung und Netzwerke. Große Finanzierungsrunden bei Unternehmen wie PsiQuantum zeigen, dass Investoren diesen Ansatz ernst nehmen. Gleichzeitig bleiben supraleitende Systeme, Ionenfallen und neutrale Atome hochrelevant. Ich würde nicht sagen, dass es schon einen klaren Sieger gibt.
Frage: Welche Unternehmen prägen den Markt?
Alfred Wieder: International gehören Namen wie PsiQuantum, Quantinuum, IonQ, D-Wave, Rigetti, Infleqtion, Atom Computing, Alice & Bob, IQM, Diraq oder Silicon Quantum Computing zu den bekannten Akteuren. In Europa sind besonders IQM, Alice & Bob, Oxford Quantum Circuits und QuantWare interessant. Der Markt ist allerdings noch jung und stark in Bewegung. Manche Unternehmen werden sich durchsetzen, andere werden übernommen oder verschwinden.
Frage: Europa spielt also durchaus mit?
Alfred Wieder: Ja, Europa ist in Quantum stärker, als viele denken. Finnland mit IQM, Frankreich mit Alice & Bob, Großbritannien mit Oxford Quantum Circuits, die Niederlande mit QuantWare und Deutschland mit mehreren DeepTech-Initiativen sind gut positioniert. Außerdem gibt es starke öffentliche Förderprogramme. Europa hat wissenschaftliche Tiefe – die Frage ist, ob daraus globale Scale-ups entstehen.
Frage: Was fehlt Europa?
Alfred Wieder: Wachstumskapital und Tempo. Forschung ist vorhanden, Talente sind vorhanden, Industriepartner sind vorhanden. Aber wenn ein Quantum-Startup sehr große Finanzierungsrunden braucht, sind die USA oft im Vorteil. Europa muss lernen, DeepTech-Unternehmen länger und größer zu finanzieren. Sonst wandern Wertschöpfung und Kontrolle über Schlüsseltechnologien ab.
Frage: Welche Rolle spielen Staaten bei Quantum-Investments?
Alfred Wieder: Eine enorme Rolle. Quantencomputer sind nicht nur ein Wirtschaftsthema, sondern auch ein Sicherheits- und Souveränitätsthema. Regierungen fördern Forschung, bauen Testzentren auf und treten zunehmend als strategische Käufer auf. In den USA wird intensiv darüber diskutiert, dass der Staat als früher Abnehmer von Quantencomputern auftreten muss, um eine heimische Industrie aufzubauen.
Frage: Warum ist der Staat als Käufer so wichtig?
Alfred Wieder: Weil die Technologie noch nicht in einem Massenmarkt angekommen ist. Frühkunden sind entscheidend. Wenn Regierungen, Forschungszentren, Verteidigungsorganisationen oder große Industriekonzerne erste Systeme kaufen oder testen, entsteht ein Markt. Das reduziert das Risiko für private Investoren und hilft Unternehmen, aus dem Labor in die industrielle Anwendung zu kommen.
Frage: Ist Quantum Computing vergleichbar mit Künstlicher Intelligenz?
Alfred Wieder: Nur bedingt. KI ist heute bereits breit kommerziell nutzbar. Quantum Computing ist deutlich früher in der Entwicklung. Aber beide Bereiche hängen zusammen. KI braucht enorme Rechenleistung, und Quantencomputer könnten langfristig bestimmte Optimierungs- oder Simulationsprobleme beschleunigen. Kurzfristig ist KI kommerziell viel greifbarer, langfristig kann Quantum ähnlich tiefgreifend werden.
Frage: Welche Branchen könnten zuerst profitieren?
Alfred Wieder: Chemie, Pharma, Materialwissenschaften, Energie, Logistik, Finanzdienstleistungen und Kryptografie. Besonders spannend sind Simulationen von Molekülen und Materialien. Wenn man bessere Batterien, neue Medikamente oder effizientere Katalysatoren entwickeln kann, hat das enorme wirtschaftliche Bedeutung. Aber diese Anwendungen brauchen leistungsfähige und stabile Systeme.
Frage: Was sind die größten Risiken für Investoren?
Alfred Wieder: Erstens das Technologierisiko: Funktioniert die Architektur wirklich skalierbar? Zweitens das Timing-Risiko: Kommt der Markt rechtzeitig oder dauert es länger als der Fondszyklus eines Investors? Drittens das Kapitalrisiko: Reicht die Finanzierung bis zum nächsten technologischen Meilenstein? Viertens das Teamrisiko: Quantum braucht wissenschaftliche Exzellenz und unternehmerische Disziplin. Diese Kombination ist selten.
Frage: Welche Rolle spielt die Bewertung solcher Startups?
Alfred Wieder: Eine sehr große. Quantum-Startups können sehr hohe Bewertungen erreichen, obwohl Umsätze noch begrenzt sind. Das kann gerechtfertigt sein, wenn Patente, Talent, Technologie und strategische Position stark sind. Es kann aber auch überzogen sein. Investoren müssen sehr genau prüfen, ob eine Bewertung durch technische Meilensteine, Kundeninteresse und Kapitalbedarf gedeckt ist.
Frage: Wie sollten Privatanleger auf das Thema schauen?
Alfred Wieder: Mit großer Vorsicht. Direktinvestments in Quantum-Startups sind für Privatanleger meist schwer zugänglich und sehr riskant. Börsennotierte Quantum-Unternehmen bieten zwar Zugang, sind aber oft volatil. Man sieht an Unternehmen wie IonQ oder D-Wave, dass die Kurse stark schwanken können, selbst wenn der Sektor insgesamt Aufmerksamkeit bekommt.
Frage: Wäre ein Fonds sinnvoller?
Alfred Wieder: Für viele Anleger ja. Ein breit gestreuter DeepTech- oder Quantum-Fonds kann Risiken besser verteilen. Noch besser ist eine Strategie, die nicht nur auf Quantencomputer selbst setzt, sondern auch auf Infrastruktur, Halbleiter, Photonik, Cybersecurity, Rechenzentren und industrielle Anwendungen. Der Goldrausch verdient oft nicht nur am Gold, sondern auch an Schaufeln, Werkzeugen und Infrastruktur.
Frage: Was sollten professionelle Investoren vor einem Investment prüfen?
Alfred Wieder: Sie sollten die Technologie unabhängig begutachten lassen. Wichtig sind Patente, wissenschaftliche Veröffentlichungen, technische Roadmap, Fehlerkorrekturstrategie, Skalierbarkeit, Partnerschaften, Kundenpiloten, Kapitalbedarf und regulatorische Relevanz. Außerdem sollte man prüfen, ob das Unternehmen nur Forschung betreibt oder tatsächlich einen Weg zu Produkten und Umsätzen hat.
Frage: Gibt es bei Quantum schon echte Umsätze?
Alfred Wieder: Ja, aber sie sind oft noch begrenzt und stammen aus Pilotprojekten, Cloud-Zugängen, Forschungskooperationen, staatlichen Programmen oder Spezialsoftware. Bei vielen Unternehmen ist der Umsatz noch nicht der entscheidende Bewertungsmaßstab. Wichtiger sind technische Meilensteine, Zugang zu Talenten, IP-Position und strategische Partnerschaften.
Frage: Wie lange müssen Investoren Geduld haben?
Alfred Wieder: In Quantum muss man eher in Dekaden als in Quartalen denken. Einige Anwendungen können früher marktreif sein, etwa Quantenoptimierung, Simulation oder Security-Lösungen. Der große Durchbruch bei fehlertoleranten Quantencomputern kann aber länger dauern. Wer hier investiert, braucht langen Atem.
Frage: Welche Bedeutung hat Quantum für Cybersicherheit?
Alfred Wieder: Eine sehr große. Leistungsfähige Quantencomputer könnten langfristig heutige Verschlüsselungsverfahren gefährden. Deshalb investieren Staaten und Unternehmen bereits in Post-Quantum-Kryptografie. Für Investoren ist das ein spannender angrenzender Markt: Man muss nicht warten, bis der perfekte Quantencomputer existiert, um in Sicherheitslösungen zu investieren, die schon heute gebraucht werden.
Frage: Ist Quantum also eher Chance oder Risiko?
Alfred Wieder: Beides. Als Technologie ist Quantum eine enorme Chance. Als Investment ist es ein Hochrisikofeld. Die Gewinner können sehr groß werden, aber viele Unternehmen werden den Weg nicht schaffen. Deshalb braucht man Diversifikation, technisches Verständnis und realistische Erwartungen.
Frage: Ihr Fazit für Investoren?
Alfred Wieder: Quantencomputer sind kein kurzfristiger Hype, sondern eine strategische Langfristwette. Wer in diesen Bereich investiert, sollte nicht auf schnelle Gewinne setzen, sondern auf technologische Durchbrüche, starke Teams und langfristige industrielle Anwendungen. Am attraktivsten sind aus meiner Sicht Unternehmen, die nicht nur eine Vision haben, sondern konkrete Meilensteine, belastbare Partner und einen klaren Weg vom Labor in den Markt.


