„Investoren suchen heute technologische Substanz“ – Alfred Wieder über die neue Startup-Welle
Der Startup-Markt verändert sich spürbar. Kapital ist weiterhin vorhanden, doch Investoren prüfen genauer, wohin sie ihr Geld geben. Besonders gefragt sind derzeit Robotik, Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Materialforschung, Biotechnologie und ClimateTech. Über diese Entwicklung sprechen wir mit Alfred Wieder.
Herr Wieder, der deutsche Startup-Markt meldet wieder größere Finanzierungsrunden. Ist das bereits eine echte Erholung?
Man muss vorsichtig sein. Von einer breiten Erholung würde ich noch nicht sprechen. Was wir sehen, ist eher eine sehr selektive Rückkehr des Kapitals. Investoren sind bereit, große Summen zu investieren – aber nur dort, wo sie echte technologische Substanz erkennen. Reine Softwaremodelle oder austauschbare Plattformideen haben es deutlich schwerer als noch vor einigen Jahren.
Ein Beispiel ist das Münchner Robotik-Startup Microagi, das 55 Millionen US-Dollar in einer Seed-Runde eingesammelt hat. Wie ordnen Sie das ein?
Das ist ein starkes Signal. Eine Seed-Finanzierung in dieser Größenordnung ist außergewöhnlich. Sie zeigt, dass Investoren bereit sind, auch sehr früh hohe Beträge bereitzustellen, wenn das Unternehmen in einem strategisch relevanten Technologiefeld aktiv ist. Robotik, industrielle KI und Automatisierung gehören eindeutig dazu. Der Fachkräftemangel, steigende Produktionskosten und der Wunsch nach mehr industrieller Resilienz treiben diesen Markt.
Ist Robotik damit eines der wichtigsten deutschen Startup-Felder?
Ja, Robotik gewinnt stark an Bedeutung. Deutschland hat hier einen strukturellen Vorteil. Wir haben eine starke industrielle Basis, viel Maschinenbaukompetenz und zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten in Produktion, Logistik, Medizin und Dienstleistung. Wenn es Startups gelingt, diese industrielle Erfahrung mit moderner KI zu verbinden, können daraus sehr relevante Unternehmen entstehen.
Auch Promptwatch hat Kapital eingesammelt. Das Unternehmen analysiert, wie Marken in Antworten von KI-Systemen erscheinen. Ist das ein neuer Markt?
Absolut. Generative KI verändert die Art, wie Menschen Informationen suchen. Wenn Nutzer künftig nicht mehr nur klassische Suchmaschinen verwenden, sondern KI-Assistenten fragen, wird die Sichtbarkeit in diesen Systemen entscheidend. Unternehmen wollen wissen, ob ihre Marke korrekt, positiv oder überhaupt erwähnt wird. Daraus entsteht ein neues Segment: AI Visibility, Monitoring und Reputation Management für KI-Antworten.
Das klingt weniger nach klassischem DeepTech, aber dennoch nach einem wachstumsstarken Bereich.
Richtig. Nicht jedes erfolgreiche KI-Startup muss ein eigenes großes Sprachmodell entwickeln. Viele interessante Geschäftsmodelle entstehen rund um die Nutzung bestehender Modelle. Dazu gehören Monitoring, Compliance, Sicherheit, Datenqualität, Prompt-Management oder branchenspezifische Anwendungen. Entscheidend ist, ob ein reales Problem gelöst wird.
Europaweit sorgt CuspAI für Aufmerksamkeit. Das britische Unternehmen hat 450 Millionen US-Dollar für KI-gestützte Materialforschung eingesammelt. Warum ist dieses Feld so attraktiv?
Materialforschung ist ein Schlüsselbereich für viele Zukunftstechnologien. Batterien, Halbleiter, CO₂-Abscheidung, Wasserstoff, Medizinprodukte – überall werden neue Materialien gebraucht. Wenn KI helfen kann, Entwicklungszeiten drastisch zu verkürzen, entsteht ein enormer wirtschaftlicher Wert. CuspAI zeigt, dass Investoren inzwischen auch sehr wissenschaftsnahe Geschäftsmodelle finanzieren, wenn der mögliche Nutzen groß genug ist.
Sehen Sie darin eine neue Phase des KI-Marktes?
Ja. Die erste Phase war stark von großen Sprachmodellen und Chatbots geprägt. Jetzt verschiebt sich der Fokus. KI wird zunehmend in konkrete wissenschaftliche und industrielle Anwendungen eingebettet. Materialforschung, Biotechnologie, Robotik, Halbleiterproduktion und Energie sind Bereiche, in denen KI nicht nur Inhalte erzeugt, sondern reale Entwicklungsprozesse beschleunigen kann.
International ist auch von einem neuen KI-Biotech-Startup aus dem Umfeld von OpenAI die Rede, das bereits zum Start mit rund zwei Milliarden US-Dollar bewertet werden könnte. Sind solche Bewertungen noch nachvollziehbar?
Sie sind sehr ambitioniert. Aber sie zeigen, wie groß die Erwartungen an KI in der Arzneimittelentwicklung sind. Wenn KI tatsächlich dabei hilft, Wirkstoffe schneller zu identifizieren, klinische Risiken früher zu erkennen und Forschungskosten zu senken, wäre das ein enormer Fortschritt. Gleichzeitig bleibt Biotech ein Hochrisikofeld. Nicht jede vielversprechende Technologie führt am Ende zu erfolgreichen Medikamenten.
Welche Rolle spielt Regulierung in diesem Umfeld?
Eine immer größere. Gerade bei leistungsfähiger KI wird Regulierung zu einem zentralen Thema. Wenn DeepMind-Chef Demis Hassabis internationale Standards für Frontier-KI fordert, zeigt das, dass die Branche selbst erkennt: Ohne klare Sicherheits- und Transparenzregeln wird Vertrauen fehlen. Für Startups bedeutet das, dass Compliance, Nachvollziehbarkeit und Sicherheitsarchitektur künftig von Anfang an mitgedacht werden müssen.
Ist Regulierung eher Risiko oder Chance für Startups?
Beides. Sie kann Innovation bremsen, wenn sie zu schwerfällig ist. Sie kann aber auch Vertrauen schaffen und europäischen Unternehmen helfen, sich über Qualität, Sicherheit und Datenschutz zu differenzieren. Gerade in regulierten Branchen wie Gesundheit, Finanzen, Energie oder öffentlicher Verwaltung kann ein sauberer regulatorischer Ansatz ein Wettbewerbsvorteil sein.
Welche Technologiefelder sind aus Ihrer Sicht derzeit besonders attraktiv für Venture Capital?
Ganz klar: Robotik, Künstliche Intelligenz, Halbleiter, DefenceTech, Quantentechnologien, ClimateTech und Biotechnologie. Das sind Felder mit hoher technologischer Eintrittsbarriere. Investoren suchen Unternehmen, die nicht einfach kopiert werden können. Entscheidend ist nicht mehr nur Wachstum, sondern die Frage, ob ein Startup langfristig einen strategischen Vorsprung aufbauen kann.
Was bedeutet das für Gründerinnen und Gründer in Deutschland?
Die Anforderungen steigen. Eine gute Idee und ein überzeugendes Pitchdeck reichen nicht mehr. Gründer müssen zeigen, dass sie ein echtes Problem lösen, Zugang zu Kunden haben, technologisch differenziert sind und langfristig ein belastbares Geschäftsmodell entwickeln können. Wer das schafft, findet weiterhin Kapital.
Hat Deutschland in dieser neuen Phase gute Chancen?
Ja, durchaus. Deutschland ist stark in Industrie, Forschung, Maschinenbau, Energie, Medizin und Unternehmenssoftware. Genau diese Felder werden jetzt wieder wichtiger. Die Herausforderung besteht darin, Forschung schneller in Unternehmen zu überführen und Wachstumskapital bereitzustellen. Wenn das gelingt, kann Deutschland in der nächsten Startup-Phase eine deutlich stärkere Rolle spielen.
Ihr Fazit zum aktuellen Markt?
Der Startup-Markt ist anspruchsvoller geworden, aber nicht schwächer. Kapital fließt nicht mehr wahllos, sondern gezielt in Zukunftstechnologien. Das ist für manche Gründer schwieriger, für den Standort aber vielleicht gesünder. Wer echte Substanz liefert, hat weiterhin sehr gute Chancen.


