Marvel Fusion: Münchner Laserfusion zwischen wissenschaftlicher Vision und technischer Skepsis
Marvel Fusion ist eines der bekanntesten deutschen Startups im Bereich Fusionsenergie. Das Münchner Unternehmen wurde 2019 gegründet und verfolgt einen besonders ambitionierten Ansatz: laserbasierte Trägheitsfusion. Langfristig soll daraus eine neue Form nahezu CO₂-freier Energie entstehen. Während andere Unternehmen auf magnetische Einschlussverfahren setzen, arbeitet Marvel Fusion an einem Konzept, bei dem Hochleistungslaser auf speziell strukturierte Brennstoffziele treffen.
Das Unternehmen wird von Moritz von der Linden, Heike Freund und Hartmut Ruhl geführt und beschäftigt nach öffentlich zugänglichen Angaben rund 70 Mitarbeitende. In den vergangenen Jahren sammelte Marvel Fusion erhebliche Mittel ein. 2025 wurde die Series-B-Finanzierung auf 113 Millionen Euro erweitert. Zu den Investoren gehören unter anderem EQT Ventures, Siemens Energy Ventures und der EIC Fund der Europäischen Union. Die Finanzierung zählte zu den größeren europäischen Investitionen in die Fusionsbranche.
Marvel Fusion profitiert von einem weltweit wachsenden Interesse an Fusionsenergie. Staaten, Energiekonzerne und Investoren suchen nach Technologien, die langfristig große Mengen sauberer Energie liefern könnten. Deutschland hat in diesem Feld eine starke Forschungsbasis, und München entwickelt sich mit Unternehmen wie Marvel Fusion und Proxima Fusion zu einem wichtigen europäischen Standort.
Ein zentraler Baustein ist die Kooperation mit Forschungseinrichtungen. Marvel Fusion arbeitet unter anderem mit der Ludwig-Maximilians-Universität München zusammen und nutzt das Centre for Advanced Laser Applications in Garching. Dort sollen Experimente zur Laser-Materie-Wechselwirkung und zur Hochfeld-Ionenbeschleunigung vorangetrieben werden. Außerdem ist das Unternehmen an einer öffentlich-privaten Partnerschaft mit der Colorado State University beteiligt, wo eine Hochleistungs-Laseranlage für Fusionsforschung entstehen soll.
Der wissenschaftliche Weg ist jedoch hochriskant. Fusionsenergie ist grundsätzlich schwer zu kommerzialisieren, und Marvel Fusions spezieller Ansatz wird in der Fachwelt kritisch diskutiert. Wissenschaftliche Kommentare auf arXiv stellten Annahmen des Konzepts infrage und verwiesen auf physikalische Hürden, insbesondere bei Energiegewinn, Brennstoffdichte und Strahlungsverlusten.
Gerade diese Spannung macht Marvel Fusion interessant. Das Unternehmen steht für den neuen DeepTech-Typus: wissenschaftlich anspruchsvoll, kapitalintensiv, potenziell revolutionär, aber mit erheblichem technischen Risiko. Sollte es gelingen, zentrale physikalische und ingenieurtechnische Probleme zu lösen, wäre der Markt riesig. Scheitert der Ansatz, bleibt Marvel Fusion dennoch Teil eines breiteren Lernprozesses, der Europas Fusionsökosystem voranbringen kann.
Für Deutschland ist Marvel Fusion deshalb mehr als ein einzelnes Startup. Es zeigt, dass privates Kapital, Spitzenforschung und industrielle Partner bereit sind, auch sehr langfristige Technologiewetten einzugehen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob daraus ein realer Beitrag zur Energiezukunft werden kann.


