Thüringen setzt auf Start-ups: Millionen für Gründer, Hightech und neue Arbeitsplätze
Thüringen will sich stärker als Standort für technologieorientierte Start-ups etablieren. Dafür setzt der Freistaat auf ein vergleichsweise breites Instrumentarium: Zuschüsse, Beteiligungskapital, Darlehen, Beratung, Hochschulnetzwerke und Kontakte zu privaten Investoren sollen junge Unternehmen von der ersten Idee bis zur Wachstums- und Internationalisierungsphase begleiten. Besonders im Fokus stehen Photonik, Künstliche Intelligenz, Deep Tech, Medizintechnik und industrielle Digitalisierung. Zahlen des zuständigen Ministeriums zeigen zugleich, dass bereits erhebliche öffentliche Mittel in die Gründungslandschaft geflossen sind.
Start-ups gelten längst nicht mehr nur als Angelegenheit großer Gründerzentren wie Berlin oder München. Auch Thüringen versucht, innovative Unternehmen stärker als Bestandteil seiner Wirtschafts- und Strukturpolitik zu etablieren. Dabei setzt das Land insbesondere auf seine Hochschulen, Forschungseinrichtungen und die bereits vorhandene technologieorientierte Industrie.
Nach Angaben des Thüringer Ministeriums stehen Gründern unterschiedliche Förderinstrumente zur Verfügung. Das Spektrum reicht von Beratungs- und Coachingangeboten über Forschungsbudgets und Netzwerkprogramme bis hin zu Zuschüssen, Darlehen und staatlichem Beteiligungskapital. Die Angebote sind teilweise branchenoffen, teilweise auf technologie- und innovationsorientierte Unternehmen zugeschnitten.
Von der Gründungsprämie bis zum Millioneninvestment
Zu den genannten Instrumenten gehören unter anderem die Gründungsprämie, die Kaltmietenfreistellung sowie der Wettbewerb „get started 2gether“. Hinzu kommen Beteiligungsangebote wie der Thüringer Start-up Fonds II, der Thüringer WachstumsBeteiligungsFonds II und der Thüringer Zukunftsfonds III. Finanziert werden die Programme nach Ministeriumsangaben unter anderem aus Landesmitteln sowie aus dem Europäischen Sozialfonds Plus und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.
Damit versucht Thüringen, eine der größten Herausforderungen für junge Technologieunternehmen zu adressieren: die Finanzierung. Gerade in den ersten Jahren benötigen innovative Unternehmen häufig erhebliche Summen, lange bevor ein Produkt ausreichend Umsätze erwirtschaftet.
Beim Thüringer Start-up Fonds II (TSF II) stehen beispielsweise 30 Millionen Euro Fondsvermögen zur Verfügung. Er richtet sich an junge innovative Unternehmen und ermöglicht Minderheitsbeteiligungen von bis zu 1,5 Millionen Euro. Der WachstumsBeteiligungsFonds II (WBF II) verfügt über 25 Millionen Euro und kann sich mit bis zu vier Millionen Euro an innovativen kleinen und mittleren Unternehmen in der Wachstumsphase beteiligen.
Der Landeshaushalt zeigt, dass diese Instrumente auch 2026 finanziell unterlegt sind. Für den Thüringer Start-up Fonds II sind für 2026 Gesamtausgaben von sechs Millionen Euro ausgewiesen, für den WachstumsBeteiligungsFonds II rund 4,3 Millionen Euro. Hinzu kommen weitere Instrumente der Innovations- und Unternehmensförderung.
63 Millionen Euro Beteiligungszusagen seit 2019
Besonders interessant sind die Zahlen zur bisherigen Nutzung der Programme. Eine einzige Gesamtzahl aller unterstützten Start-ups kann das Ministerium allerdings nicht nennen. Der Grund: Die einzelnen Förderinstrumente arbeiten mit unterschiedlichen Förderansätzen und Monitoring-Systemen.
Für einzelne Programme liegen jedoch konkrete Daten vor.
Über „get started 2gether“ wurden demnach seit 2019 insgesamt 79 Vorhaben mit rund 6,6 Millionen Euro gefördert. Noch größer ist das Volumen bei den Beteiligungsfonds: Seit 2019 wurden nach Angaben des Landes 53 Start-ups mit einem verbindlichen Zusagevolumen von insgesamt 63,2 Millionen Euro unterstützt.
Hinzu kommt die mit europäischen Mitteln finanzierte Gründungs- und Beratungsförderung. In der laufenden EU-Förderperiode 2021 bis 2027 wurden über das Projekt ThEx innovativ 373 Start-ups begleitet. Im Rahmen des TRIP-Programms wurden seit Juli 2022 insgesamt 85 Start-ups betreut. Dafür standen dem Projekt 2,6 Millionen Euro zur Verfügung.
Weitere Programme richten sich nicht ausschließlich an Start-ups, sondern allgemein an Gründungsvorhaben. Zwischen Juli 2022 und Juni 2026 wurden laut Ministerium 358 Intensivberatungen, 1.777 Existenzgründungspässe und 70 Gründungsprämien bewilligt. Dafür stehen acht Millionen Euro aus EU- und Landesmitteln bereit.
Beim Thüringer Mikrodarlehensprogramm wurden seit dem Programmstart 2016 außerdem 687 Darlehen mit einem gesamten Zusagevolumen von 14,9 Millionen Euro vergeben.
Diese Zahlen dürfen allerdings nicht einfach addiert und als Gesamtzahl geförderter Start-ups ausgewiesen werden. Die Programme haben unterschiedliche Zielgruppen, und Unternehmen beziehungsweise Gründungsvorhaben können über verschiedene Instrumente begleitet werden.
KI, Photonik und Deep Tech sollen Thüringen profilieren
Auffällig ist die technologische Ausrichtung der Strategie. Thüringen sieht seine besonderen Stärken vor allem in wissens- und technologieintensiven Branchen.
Das Ministerium nennt ausdrücklich Photonik, Optik und Imaging, Digital Experience, Künstliche Intelligenz sowie Deep Tech für industrielle B2B-Anwendungen. Dazu kommen KI- und Automatisierungslösungen, digitale Zwillinge, Datenplattformen und Robotik. Weitere relevante Bereiche sind MedTech und Digital Health, Smart Governance, Batterietechnologien und innovative Werkstoffe.
Das ist wirtschaftspolitisch nachvollziehbar: Thüringen kann insbesondere rund um seine Hochschul- und Forschungsstandorte versuchen, wissenschaftliche Expertise in neue Unternehmen zu übertragen.
Dabei will sich das Land nach eigener Darstellung nicht ausschließlich auf einzelne Technologien festlegen. Für Zukunftsfelder wie KI, Halbleiter, Energie, Mobilität, Biotechnologie, Medizintechnik, GreenTech und Digitalisierung stehen überwiegend technologieoffene Förderinstrumente zur Verfügung. Ergänzt werden diese durch spezialisierte Angebote, etwa für Photonik oder intelligente Signalverarbeitungs- und Assistenzsysteme.
Das eigentliche Problem beginnt nach der Erfindung
Ein entscheidender Punkt der Thüringer Strategie liegt zwischen Forschung und Markt. Eine hervorragende technische Idee allein schafft noch kein erfolgreiches Unternehmen.
Das Ministerium formuliert deshalb ein klares Ziel: Innovative Technologien sollen möglichst schnell in marktfähige Produkte und tragfähige Geschäftsmodelle überführt werden. Dafür soll unter anderem der Zugang zu Pilotkunden aus Mittelstand, Industrie und öffentlicher Hand verbessert werden.
Genau dieser Schritt ist für technologieorientierte Start-ups entscheidend. Junge Unternehmen müssen beweisen, dass ihre Technologie nicht nur im Labor funktioniert, sondern dass Kunden bereit sind, dafür zu bezahlen.
Thüringen möchte seine Instrumente deshalb stärker miteinander verzahnen: von Forschung und Technologietransfer über Proof of Concept und Pilotprojekte bis hin zu Skalierung und Internationalisierung.
Hochschulen sollen zu Unternehmensschmieden werden
Eine Schlüsselrolle kommt den Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu. Sie werden vom Land ausdrücklich als wichtige Quellen wissens- und technologiebasierter Unternehmensgründungen betrachtet.
Über das Thüringer Hochschulgründernetzwerk und spezialisierte Innovationshubs sollen Studierende, Forschende und Absolventen Beratung, Qualifizierung, Coaching, Forschungsbudgets und Kontakte erhalten. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur zu publizieren, sondern daraus wirtschaftlich tragfähige Unternehmen entstehen zu lassen.
Auch Technologie- und Gründerzentren sind Teil dieser Infrastruktur. Sie bieten jungen Unternehmen Büro-, Labor- und Entwicklungsflächen. Eine Kaltmietenfreistellung kann technologieorientierte Start-ups in den ersten Unternehmensjahren zusätzlich entlasten.
Der Staat als Kapitalgeber
Eine besondere Rolle spielt die öffentliche Beteiligungsgesellschaft bm|t Beteiligungsmanagement Thüringen. Sie stellt über verschiedene Fonds Eigen- und Beteiligungskapital zur Verfügung und soll Unternehmen damit über mehrere Entwicklungsphasen hinweg finanzieren.
Die Konstruktion ist interessant, weil der Staat dabei nicht lediglich Zuschüsse verteilt. Bei Beteiligungsfonds wird öffentliches Kapital als Investor eingesetzt.
Private Investoren sollen dabei keineswegs verdrängt werden. Beim WachstumsBeteiligungsFonds II ist die Beteiligung beispielsweise an privates Co-Investment gekoppelt. Dadurch können staatliche Mittel dazu dienen, zusätzliches privates Kapital zu mobilisieren.
Business Angels und internationale Investoren gesucht
Denn öffentliche Förderung allein reicht für schnell wachsende Technologieunternehmen nicht aus. Spätestens wenn Produktion, Vertrieb oder internationale Expansion finanziert werden müssen, steigt der Kapitalbedarf erheblich.
Thüringen versucht deshalb, Gründer gezielt mit privaten Kapitalgebern zusammenzubringen. Über ThEx innovativ und bm|t werden Unternehmen nach Angaben des Ministeriums auf Finanzierungsrunden vorbereitet. Das TRIP-Programm soll ihre sogenannte „Investment Readiness“ verbessern.
Bei den Investor Days Thüringen treffen Start-ups anschließend auf Business Angels, Venture-Capital-Investoren, internationale Kapitalgeber und mögliche Kooperationspartner. Pitch-Trainings und Coachings ergänzen dieses Angebot.
Damit verfolgt Thüringen einen Ansatz, der über klassische Subventionspolitik hinausgeht: Öffentliche Mittel sollen Unternehmen zunächst stabilisieren und anschließend privates Kapital mobilisieren.
Thüringen will international sichtbarer werden
Die nächste Herausforderung ist die internationale Wahrnehmung. Das Wirtschaftsministerium will Thüringen stärker als Standort für technologieorientierte Gründungen positionieren.
Eine Rolle spielt dabei der 2024 initiierte und vom Land finanzierte de:hub „Photonics & Digital Experience Platforms“ in Jena. Er soll Thüringen mit Bundesinitiativen und internationalen Netzwerken verbinden und insbesondere die Kompetenzen bei Photonik und Plattformökonomie sichtbarer machen.
Darüber hinaus sollen Investoren gezielter angesprochen, internationale Partnerschaften ausgebaut und erfolgreiche Thüringer Start-ups stärker sichtbar gemacht werden. Der Anspruch ist, Gründern einen möglichst durchgängigen Weg von der Idee über die Unternehmensgründung bis zum Wachstum anzubieten.
Mehr als möglichst viele Neugründungen
Bemerkenswert ist dabei, dass das Ministerium Erfolg nicht ausschließlich anhand der Zahl neu gegründeter Firmen messen will.
Start-ups werden vielmehr als Instrument für Innovation, Strukturwandel und neue Wertschöpfung betrachtet. Sie sollen neue Technologien und Geschäftsmodelle in den Markt bringen und zugleich etablierten Unternehmen helfen, Innovationen schneller umzusetzen. Gerade für einen von Industrie und Mittelstand geprägten Standort sieht das Land darin erhebliches Potenzial.
Langfristig geht es deshalb auch um Fachkräfte, Investitionen und Arbeitsplätze. Erfolgreiche Gründungen könnten internationale Talente anziehen, neue Beschäftigung schaffen und Thüringens Wahrnehmung als Technologie- und Wirtschaftsstandort verbessern.
Entscheidend wird, ob aus Förderung dauerhaftes Wachstum entsteht
Die Förderlandschaft zeigt: Thüringen verfügt inzwischen über Instrumente für nahezu jede Phase einer Unternehmensgründung – von Beratung und Gründungsprämien über Hochschulprogramme bis zu Beteiligungen in Millionenhöhe.
Die entscheidende Frage wird allerdings sein, was nach der Förderung passiert. Für die wirtschaftliche Wirkung zählt letztlich nicht allein, wie viele Programme existieren oder wie viel Kapital zugesagt wird. Entscheidend ist, ob daraus Unternehmen entstehen, die dauerhaft wachsen, private Investoren gewinnen, internationale Märkte erschließen und langfristig Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Thüringen halten.
Genau daran dürfte sich der Erfolg der Thüringer Start-up-Politik messen lassen. Der Freistaat will nicht lediglich mehr Gründungen hervorbringen. Er versucht, ein Ökosystem aufzubauen, in dem aus Forschung Unternehmen, aus jungen Unternehmen Wachstumsfirmen und aus technologischen Ideen langfristig neue wirtschaftliche Standbeine für Thüringen werden.


