USA-Startup-Woche: 350 Millionen für Snorkel AI, 311 Millionen für Enveda – der KI-Kapitalrausch geht weiter
Die amerikanische Startup-Szene erlebt zwischen dem 20. und 26. September 2026 eine Woche mit außergewöhnlich großen Finanzierungsrunden. Snorkel AI erreicht nach einer 350-Millionen-Dollar-Runde eine Bewertung von 3,5 Milliarden Dollar, das Biotech-Unternehmen Enveda sammelt 311 Millionen Dollar ein und der KI-Infrastrukturspezialist Cornelis erhält mehr als 200 Millionen Dollar. Gleichzeitig stellen sich amerikanische Venture-Capital-Gesellschaften mit neuen Milliardenfonds auf weitere KI-Investitionen ein.
Wer wissen möchte, wohin das amerikanische Venture Capital derzeit fließt, muss eigentlich nur zwei Buchstaben kennen: KI.
Eines der spektakulärsten Beispiele dieser Woche ist Snorkel AI aus San Francisco. Das Unternehmen hat 350 Millionen Dollar frisches Kapital eingesammelt. Die neue Finanzierungsrunde bewertet Snorkel AI mit 3,5 Milliarden Dollar. Angeführt wurde die Runde von Insight Partners und S32, beteiligt waren unter anderem Addition, Greylock und Wells Fargo.
Das Unternehmen wurde 2019 von Forschern aus dem Umfeld des Stanford AI Lab gegründet. Sein Geschäft ist für den aktuellen KI-Boom von zentraler Bedeutung: Snorkel hilft Entwicklern und Unternehmen dabei, komplexe Trainingsdaten und Testumgebungen für KI-Systeme aufzubauen.
Dabei hat sich das Geschäftsmodell erheblich verändert. Ursprünglich konzentrierte sich Snorkel auf Software zur Automatisierung der Datenkennzeichnung. Mittlerweile liefert das Unternehmen auch komplette Datensätze und sogenannte Reinforcement-Learning-Umgebungen.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung des Geschäfts. Nach Angaben des Unternehmens liegt der annualisierte Umsatz inzwischen bei mehr als 350 Millionen Dollar, nachdem er im Vorjahr noch bei rund 20 Millionen Dollar gelegen hatte.
Damit zeigt sich ein neuer Milliardenmarkt hinter den bekannten KI-Modellen: Wer leistungsfähige KI bauen möchte, benötigt nicht nur Chips und Rechenzentren, sondern auch hochwertige Trainingsdaten.
311 Millionen Dollar für Medikamente aus der Natur
Der zweite außergewöhnlich große Deal verbindet Künstliche Intelligenz mit Biotechnologie.
Das US-Unternehmen Enveda hat 311 Millionen Dollar in einer Series-E-Runde eingesammelt. Die Bewertung steigt damit auf rund zwei Milliarden Dollar. Die Runde wurde von Catalio Capital Management angeführt.
Enveda verfolgt einen faszinierenden Ansatz: Das Unternehmen sucht mithilfe von KI nach potenziellen Medikamenten in Pflanzen und Mikroorganismen.
Statt Wirkstoffe ausschließlich künstlich im Labor zu entwickeln, versucht Enveda, die enorme chemische Vielfalt der Natur systematisch nach medizinisch nutzbaren Substanzen zu durchsuchen.
Das Unternehmen hat bereits mehrere Wirkstoffkandidaten in klinische Studien gebracht. Dazu gehören unter anderem Ansätze gegen schwere Hauterkrankungen sowie ein Medikament, das Patienten dabei helfen soll, nach dem Absetzen von GLP-1-Präparaten ihr Gewicht zu halten.
Der Deal zeigt, dass KI-Investitionen inzwischen weit über klassische Softwareunternehmen hinausgehen. Pharmaforschung könnte zu einem der wirtschaftlich interessantesten Anwendungsgebiete werden.
205 Millionen Dollar für die Infrastruktur hinter dem KI-Boom
Auch die technische Infrastruktur bekommt neues Kapital.
Cornelis Systems wurde in dieser Woche mit einer Series-B-Finanzierung über 205 Millionen Dollar erfasst. Das Unternehmen entwickelt Netzwerktechnologie für leistungsfähige KI-Rechenzentren.
Solche Unternehmen stehen weniger im Rampenlicht als Chatbots oder KI-Assistenten, könnten wirtschaftlich aber mindestens ebenso interessant werden.
Denn Tausende Hochleistungsprozessoren müssen innerhalb moderner Rechenzentren möglichst schnell miteinander kommunizieren. Je größer KI-Modelle werden, desto wichtiger wird deshalb die Netzwerktechnik zwischen den einzelnen Rechnern.
Der amerikanische KI-Boom erzeugt dadurch eine ganze industrielle Zulieferkette – von Chips über Stromversorgung und Kühlung bis hin zu Netzwerken und Rechenzentren.
25 Millionen Dollar für neuartige Mikroskope
Doch nicht jedes erfolgreiche Startup dieser Woche arbeitet unmittelbar an generativer KI.
Ramona Optics aus Durham im US-Bundesstaat North Carolina hat 25 Millionen Dollar in einer Series-A-Runde erhalten.
Das Unternehmen entwickelt neuartige Mikroskope für Universitäten und Life-Science-Unternehmen. Mit der Finanzierung sollen insbesondere Vertrieb und Entwicklung ausgebaut und die internationale Expansion beschleunigt werden.
Ramona Optics beschäftigt derzeit rund 25 Mitarbeiter. Die Technologie soll biologische Proben schneller und in größerem Umfang analysierbar machen.
Der Deal zeigt gleichzeitig, dass neben KI weiterhin klassisches DeepTech Kapital findet – insbesondere dort, wo Technologie direkt mit Forschung, Medizin oder Biotechnologie verbunden werden kann.
Recycling-Startup bekommt Unterstützung von Meta
Auch ClimateTech spielt in dieser Woche eine Rolle.
MacroCycle aus Cambridge in Massachusetts entwickelt ein Verfahren, mit dem Kunststoffabfälle gereinigt und wieder zu hochwertigem Ausgangsmaterial verarbeitet werden können.
Das Unternehmen vereinbarte eine Zusammenarbeit mit Meta, die den Bau seiner ersten kommerziellen Anlage beschleunigen soll. MacroCycle gibt an, dass sein Verfahren gegenüber neu produziertem PET-Kunststoff rund 80 Prozent weniger CO₂-Emissionen verursachen könne.
Damit zeigt sich ein weiteres interessantes Finanzierungsmodell: Startups erhalten nicht nur Venture Capital, sondern schließen langfristige Abnahme- oder Kooperationsvereinbarungen mit großen Konzernen ab, um ihre ersten Industrieanlagen finanzierbar zu machen.
Ein neuer Konkurrent für Slack
Am 24. September trat außerdem Ando aus dem Stealth-Modus.
Das Startup will nicht weniger als die Kommunikation innerhalb von Unternehmen neu organisieren. Seine Plattform soll Menschen und KI-Agenten gleichberechtigt in Chats, Gruppen und Arbeitsprozesse integrieren.
KI-Agenten erhalten dabei eigene Identitäten und Posteingänge und können selbstständig an Unterhaltungen teilnehmen.
Für den weiteren Aufbau hat Ando 20 Millionen Dollar an Pre-Seed- und Seed-Kapital eingesammelt. Zu den Investoren gehören Accel, Index Ventures und Emergence.
Damit zeichnet sich möglicherweise die nächste Stufe des KI-Wettbewerbs ab: Nach Chatbots und persönlichen Assistenten geht es zunehmend darum, KI als eigenständigen digitalen Mitarbeiter in Unternehmensstrukturen einzubauen.
Milliarden für die nächste Startup-Generation
Noch wichtiger als einzelne Finanzierungsrunden könnte eine Nachricht aus der amerikanischen Venture-Capital-Branche sein.
Bessemer Venture Partners hat 5,75 Milliarden Dollar für zwei neue Fonds eingesammelt.
Davon sind 1,75 Milliarden Dollar für Seed- und Frühphaseninvestitionen vorgesehen. Weitere vier Milliarden Dollar sollen in Wachstumsunternehmen fließen.
Der Schwerpunkt ist eindeutig: KI. Bessemer gibt an, seit 2022 bereits in mehr als 260 KI-native Unternehmen investiert und rund drei Milliarden Dollar in den Bereich gesteckt zu haben.
Damit steht bereits Kapital für die nächste Finanzierungswelle bereit.
Die amerikanische Startup-Woche zeigt deshalb ein bemerkenswertes Bild. Es geht längst nicht mehr nur um die Entwickler großer Sprachmodelle.
Kapital fließt inzwischen in die komplette Infrastruktur rund um KI: Trainingsdaten, Netzwerktechnik, Rechenzentren, Medikamente, Unternehmenssoftware und digitale Mitarbeiter.
Der amerikanische KI-Boom wird damit zunehmend zu einem industriellen Boom – und die Finanzierungsrunden erreichen Größenordnungen, die vor wenigen Jahren noch klassischen Großunternehmen vorbehalten waren.


