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Start-ups

Vom Flugtaxi bis zur Kryptobank: Diese bekannten deutschen Start-ups gingen in den vergangenen fünf Jahren insolvent

Vom Flugtaxi bis zur Kryptobank: Diese bekannten deutschen Start-ups gingen in den vergangenen fünf Jahren insolvent

Berlin, 18. Juli 2026. Eine Kryptowährungsbank, elektrische Stadtflitzer, Flugtaxis, Solaranlagen und Medikamentenlieferungen innerhalb weniger Minuten: In den vergangenen fünf Jahren gerieten zahlreiche deutsche Start-ups und Scale-ups in die Insolvenz. Einige verschwanden vollständig, andere wurden verkauft, verkleinert oder unter neuen Eigentümern fortgeführt.

Die folgende Übersicht betrachtet den Zeitraum vom 18. Juli 2021 bis zum 18. Juli 2026. Sie ist keine vollständige Insolvenzliste, sondern eine redaktionelle Auswahl besonders bekannter Fälle mit hoher medialer Sichtbarkeit, großen Finanzierungsvolumen oder einer beträchtlichen Zahl betroffener Kunden und Beschäftigter.

Zahl der Start-up-Insolvenzen erreichte 2024 ihren Höhepunkt

Nach der jüngsten Auswertung von Startup-Verband und startupdetector stieg die Zahl der Insolvenzen bei höchstens zehn Jahre alten deutschen Start-ups von 65 Fällen im Jahr 2021 auf 182 im Jahr 2022 und 286 im Jahr 2023. Im Jahr 2024 wurde mit 344 Fällen der bisherige Höchststand erreicht. Für 2025 weist die aktualisierte Statistik 294 Insolvenzen aus, im ersten Halbjahr 2026 waren es 117. Seit Mitte 2025 ist damit ein rückläufiger Trend erkennbar.

Die Statistik erfasst nur Unternehmen, die tatsächlich ein Insolvenzverfahren durchlaufen. Geordnete Betriebsschließungen, Verkäufe in finanzieller Not oder Liquidationen ohne Insolvenzverfahren sind darin nicht zwangsläufig enthalten. Die Begriffe „Start-up“ und „Scale-up“ sind zudem nicht gesetzlich definiert. Einige der prominentesten Unternehmen waren bei ihrem Insolvenzantrag bereits mehr als zehn Jahre alt, wurden wegen ihres innovations- und investorengetriebenen Geschäftsmodells aber weiterhin der Start-up-Szene zugerechnet.

Nuri: Das Ende einer deutschen Kryptohoffnung

Das Berliner Fintech Nuri, zuvor unter dem Namen Bitwala bekannt, beantragte am 9. August 2022 beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg Insolvenz. Das Unternehmen verwies auf den Einbruch des Kryptomarktes, die Insolvenz des Kryptokreditgebers Celsius und die allgemeine Unsicherheit an den Finanzmärkten. Kundengelder bei der Partnerbank sollten zunächst nicht unmittelbar betroffen sein.

Eine Rettung gelang nicht. Interessenten zogen ihre Angebote zurück, nachdem für die Fortführung zusätzliches Kapital benötigt worden wäre. Nuri stellte den Geschäftsbetrieb Ende 2022 ein und forderte rund 200.000 Kunden auf, ihre Vermögenswerte abzuziehen.

CleverShuttle: Die Deutsche Bahn zog den Stecker

Der Berliner Fahrdienstanbieter CleverShuttle meldete am 3. Mai 2023 Insolvenz an. Das Start-up hatte elektrische Sammeltaxis und bedarfsgesteuerte Nahverkehrsangebote betrieben. Ausschlaggebend war, dass die Deutsche Bahn als Mehrheitsgesellschafterin ihre weitere Finanzierung einstellte. Die regionalen Betreibergesellschaften waren zunächst nicht unmittelbar vom Antrag betroffen.

Der ursprüngliche Geschäftsbetrieb von CleverShuttle wurde später beendet. Der US-Mobilitätsanbieter Via übernahm Partnerschaften für zehn zuvor von CleverShuttle betriebene On-Demand-Angebote.

Sono Motors: Solarauto gescheitert, Solartechnik gerettet

Sono Motors aus München wollte mit dem Sion ein vergleichsweise günstiges Elektroauto bauen, dessen Karosserie mit Solarzellen ausgestattet sein sollte. Im Februar 2023 stellte das Unternehmen das Fahrzeugprojekt ein und kündigte rund 250 Beschäftigten. Im Mai beantragten die Sono Motors GmbH und ihre Muttergesellschaft Verfahren in Eigenverwaltung beziehungsweise unter einem Schutzschirm.

Anders als das Solarauto überlebte ein Teil des Unternehmens. Ein Insolvenzplan wurde bestätigt, und Sono Motors konzentrierte sich anschließend auf Solartechnik für Busse und andere Fahrzeuge. Das Sion-Projekt blieb eingestellt; Vermögenswerte und Prototypen daraus wurden später verwertet.

Unu: Der Elektroroller fand nicht genügend Käufer

Der Berliner Elektrorollerhersteller Unu stellte im November 2023 Insolvenzantrag. Als Ursachen nannte das Unternehmen gestiegene Material-, Transport- und Betriebskosten, eine inflationsbedingt schwächere Nachfrage sowie eine nicht abgeschlossene Finanzierungsrunde. Zuvor waren nach Branchenschätzungen annähernd 40 Millionen Euro in das Start-up geflossen.

Die ursprüngliche Gesellschaft wurde nicht in ihrer bisherigen Form fortgeführt. Die Marke und der Vertrieb gingen später an den E-Roller-Anbieter Emco, der sie unter der Bezeichnung „Unu by Emco“ weiterführt.

Instafreight: Viel Umsatz, aber keine rechtzeitige Finanzierungsrunde

Die Berliner Digitalspedition Instafreight reichte am 13. Dezember 2023 Insolvenzantrag ein. Das 2016 gegründete Unternehmen vermittelte und organisierte Straßentransporte über eine digitale Plattform und beschäftigte zeitweise mehr als 200 Menschen. Nach Angaben der Geschäftsführung konnte eine benötigte Finanzierungsrunde nicht rechtzeitig abgeschlossen werden. Als Problem wurde insbesondere eine bilanzielle Überschuldung genannt.

Teile der Vermögenswerte und Kundendaten wurden verkauft. Die Gründer führten die Technologie anschließend in einem neuen Unternehmen namens Cargomotion weiter, nun mit einem stärker auf Software für Speditionen ausgerichteten Geschäftsmodell.

Sirplus: Neustart nach der Insolvenz

Das Berliner Lebensmittelretter-Start-up Sirplus beantragte am 8. Januar 2024 Insolvenz. Das Unternehmen verkaufte überschüssige Lebensmittel zunächst in mehreren Geschäften und später vor allem online. Es hatte nach eigenen Angaben mehr als vier Millionen Kilogramm Lebensmittel gerettet, musste aber bereits vor dem Insolvenzantrag Lageraktivitäten einstellen und die Belegschaft deutlich verkleinern.

Die ursprüngliche Gesellschaft wurde abgewickelt. Der Mitgründer startete die Marke anschließend mit einer wesentlich kleineren Struktur neu. Der Fall zeigt, dass eine bekannte Marke nach der Insolvenz weiterleben kann, obwohl das ursprüngliche Unternehmen untergeht.

e.GO Mobile: Der elektrische Kleinwagen verschwand

Der Aachener Elektroautohersteller Next.e.GO Mobile meldete im März 2024 erneut Insolvenz an. Das von einem RWTH-Professor gegründete Unternehmen hatte kompakte Elektrofahrzeuge in sogenannten Mikrofabriken herstellen wollen. Noch wenige Monate zuvor sprach die Unternehmensführung über neue Produktionsstandorte in Europa und den USA.

Die Suche nach einem Käufer blieb erfolglos. Ende Mai 2024 kündigte der Insolvenzverwalter die Einstellung des Geschäftsbetriebs und die Liquidation an. Zu Beginn des Verfahrens waren noch rund 320 Beschäftigte für das Unternehmen tätig.

Mayd: Medikamentenlieferung ohne tragfähigen Betrieb

Der Berliner Apothekenlieferdienst Mayd beantragte am 19. Juni 2024 Insolvenz. Das Unternehmen versprach die schnelle Lieferung rezeptfreier Arzneimittel aus lokalen Apotheken und war nach eigenen Angaben zeitweise in rund 70 Städten aktiv. Internationale Investoren hatten mehr als 43 Millionen Euro bereitgestellt.

Kurz vor dem Antrag war die App nicht mehr nutzbar. Das Geschäftsmodell litt unter hohen Lieferkosten, regulatorischen Besonderheiten des deutschen Arzneimittelmarktes und der schwierigen Frage, wie sich kleine Bestellungen mit schneller Zustellung profitabel organisieren lassen. Der operative Dienst wurde nicht in vergleichbarer Form fortgeführt.

Lilium: 1,5 Milliarden Euro für einen Jet, der nie in Serie abhob

Der wohl spektakulärste Fall ist der Flugtaxientwickler Lilium aus dem Raum München. Nachdem Gespräche über staatlich abgesicherte Kredite und weitere Finanzierungen gescheitert waren, meldeten die wichtigsten deutschen Tochtergesellschaften im Oktober 2024 Insolvenz in Eigenverwaltung an. Lilium wollte einen elektrisch betriebenen Senkrechtstarter für den regionalen Personenverkehr entwickeln.

An Weihnachten 2024 wurde zunächst eine vermeintliche Rettung durch ein Investorenkonsortium angekündigt. Die versprochenen Mittel kamen jedoch nicht. Im Februar 2025 folgte die zweite Insolvenz. Rund 1,5 Milliarden Euro waren zuvor in das Unternehmen geflossen; ein kommerziell zugelassenes Serienflugzeug entstand nicht.

Lilium steht damit beispielhaft für das sogenannte Deeptech-Dilemma: Die Entwicklung technisch komplexer Produkte dauert viele Jahre, verlangt immer neues Kapital und erzielt bis zur Zulassung kaum oder keine Umsätze.

Volocopter: Insolvenz mit anschließender Rettung

Nur wenige Wochen nach Lilium beantragte am 26. Dezember 2024 auch Volocopter aus Bruchsal Insolvenz. Trotz namhafter Geldgeber und intensiver Gespräche war es dem Unternehmen nicht gelungen, genügend Kapital für den laufenden Betrieb und den Weg zur Flugzulassung zu beschaffen. Vor der Insolvenz beschäftigte die Gesellschaft knapp 500 Menschen.

Anders als Lilium fand Volocopter einen Käufer. Der österreichische Flugzeughersteller Diamond Aircraft übernahm den Geschäftsbetrieb im März 2025. Der Standort Bruchsal blieb erhalten; 2026 beschäftigte die Nachfolgegesellschaft nach eigenen Angaben rund 160 Menschen und entwickelte neue Fluggeräte.

Element: Wenn ein Versicherungs-Start-up selbst zum Sanierungsfall wird

Beim Berliner Digitalversicherer Element Insurance eröffnete das Amtsgericht Charlottenburg am 8. Januar 2025 zunächst ein vorläufiges Insolvenzverfahren. Das Unternehmen entwickelte Versicherungsprodukte, die andere Marken unter eigenem Namen anbieten konnten. Die Finanzaufsicht BaFin untersagte zuvor das Neugeschäft und stellte den Insolvenzantrag.

Das endgültige Verfahren wurde am 1. März 2025 eröffnet. Die meisten Versicherungsverträge endeten einen Monat später. Anders als bei einem gewöhnlichen Software-Start-up waren damit nicht nur Investoren und Beschäftigte, sondern unmittelbar auch Versicherungsnehmer und laufende Schadenfälle betroffen.

CustomCells: Von der Lilium-Insolvenz mitgerissen

Der Batteriezellenentwickler CustomCells beantragte Ende April 2025 für wesentliche Gesellschaften Insolvenz. Nach Angaben des Unternehmens war Lilium der größte Kunde und hatte Forderungen in zweistelliger Millionenhöhe nicht beglichen. Die Holding selbst war nicht Teil des Verfahrens.

CustomCells fand neue Investoren und schloss die Restrukturierung Ende 2025 ab. Die Belegschaft wurde von rund 230 auf 100 Menschen reduziert, der Standort Tübingen geschlossen und die Produktion in Itzehoe fortgesetzt. Künftig konzentriert sich das Unternehmen unter anderem auf Batteriezellen für Verteidigung und Motorsport.

Der Fall verdeutlicht ein häufig unterschätztes Risiko junger Industrieunternehmen: Nicht nur das eigene Geschäftsmodell, sondern auch die Zahlungsfähigkeit weniger Großkunden kann über die Existenz entscheiden.

Zolar: Solarboom endete in der Eigenverwaltung

Das Berliner Solar-Start-up Zolar beantragte am 28. Mai 2025 eine Sanierung in Eigenverwaltung. Das Unternehmen hatte zunächst Solaranlagen an private Haushalte verkauft und installiert, sich später jedoch auf Software für Handwerksbetriebe ausrichten wollen.

Am 1. August 2025 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Das Endkundengeschäft wurde dauerhaft eingestellt. Die Software- und Handwerkssparte Zolar Installer Services ging anschließend an den niederländischen Anbieter Sollit; die bisherige Zolar GmbH befand sich in Liquidation.

Zolar war nicht der einzige Solaranbieter in Schwierigkeiten. Nach dem Boom der Jahre 2022 und 2023 belasteten sinkende Nachfrage, hohe Finanzierungskosten, intensiver Wettbewerb und stark gefallene Modulpreise viele Unternehmen der Branche.

Warum so viele bekannte Namen scheiterten

Die Insolvenzen lassen sich nicht mit einer einzigen Ursache erklären. Mehrere wiederkehrende Muster sind jedoch erkennbar.

Nach dem Finanzierungsboom von 2021 wurden Investoren deutlich zurückhaltender. Das Volumen der deutschen Wachstumsfinanzierungen sank von rund 5,2 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf gut 3,4 Milliarden Euro im Jahr 2023. Gleichzeitig wurden große Finanzierungsrunden seltener, und Start-ups mussten stärker nachweisen, dass ihr Geschäftsmodell absehbar profitabel werden konnte.

Besonders gefährdet waren kapitalintensive Unternehmen. Auto-, Batterie- und Flugtaxihersteller benötigen über Jahre hohe Investitionen für Entwicklung, Fabriken, Zertifizierung und Zulassung, bevor nennenswerte Umsätze entstehen. Jede Verzögerung macht eine weitere Finanzierungsrunde notwendig.

Bei Lieferdiensten, Handelsplattformen und Konsumangeboten trat ein anderes Problem auf: Hohe Wachstumsraten während der Niedrigzins- und Pandemiezeit ließen sich nicht automatisch in rentable Geschäfte verwandeln. Steigende Löhne, Energie-, Transport- und Finanzierungskosten trafen auf Verbraucher, die wegen der Inflation zurückhaltender wurden.

Zwar erholte sich der deutsche Wagniskapitalmarkt 2024 teilweise und stellte Start-ups rund 7,4 Milliarden Euro zur Verfügung. Das Geld verteilte sich jedoch selektiver, und der Zugang zu Anschlussfinanzierungen blieb für Unternehmen ohne überzeugenden Profitabilitätspfad schwierig.

Insolvenz bedeutet nicht immer das Ende

Die Beispiele zeigen auch, dass „Insolvenz“ und „vollständiges Aus“ nicht gleichbedeutend sind. Volocopter, CustomCells und Sono Motors konnten wesentliche Geschäftsbereiche erhalten. Unu und Sirplus leben zumindest als Marken oder kleinere Nachfolgeunternehmen weiter. Bei Nuri, e.GO und Mayd endete das ursprüngliche Geschäftsmodell dagegen weitgehend.

Entscheidend ist daher, zwischen dem Antrag, der Eröffnung des Verfahrens, einer erfolgreichen Sanierung und der späteren Liquidation zu unterscheiden. Gerade bei Start-ups dient ein Insolvenzverfahren häufig dazu, Technologie, Patente, Kundenverträge oder einzelne Geschäftsbereiche an neue Eigentümer zu übertragen.

Nicht in diese Auswahl aufgenommen wurde beispielsweise die Berliner Restaurantplattform Quandoo: Sie kündigte 2026 zwar eine geordnete Betriebseinstellung an, veröffentlichte jedoch keinen Insolvenzantrag. Beim Berliner Vertical-Farming-Unternehmen Infarm wiederum betraf das bekannte Insolvenzverfahren die niederländische Muttergesellschaft, weshalb es sich nicht eindeutig um eine deutsche Unternehmensinsolvenz handelte.

Fazit

Die vergangenen fünf Jahre waren für die deutsche Start-up-Szene eine Phase der Ernüchterung. Unternehmen, die zuvor als Hoffnungsträger für neue Mobilität, digitale Finanzdienste oder die Energiewende galten, mussten erkennen, dass technologische Innovation allein kein tragfähiges Geschäftsmodell garantiert.

Der Höhepunkt der Insolvenzen scheint nach den jüngsten Zahlen überschritten zu sein. Gleichzeitig bleibt Kapital für viele junge Unternehmen knapp, während industrielle Start-ups besonders lange und teure Entwicklungsphasen finanzieren müssen. Die bekanntesten Fälle zeigen deshalb weniger ein allgemeines Scheitern deutscher Gründungen als eine grundlegende Verschiebung: Wachstum um jeden Preis wurde durch die Forderung nach belastbaren Umsätzen, realistischen Kosten und einem nachvollziehbaren Weg zur Profitabilität ersetzt.

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