„Die meisten Gründer reden über Wachstum – aber kaum jemand über die Angst dahinter“
- By Redaktion
- Mai 24, 2026
Venture-Capital-Pionier Alfred Wieder über Burnout, Investoren, Insolvenzen und die brutale Realität hinter der deutschen Startup-Szene
Herr Wieder, wenn man heute über Startups spricht, geht es fast immer um Erfolg. Milliardenbewertungen, Unicorns, Investoren. Wie nah ist dieses Bild an der Realität?
Nur sehr bedingt. Natürlich gibt es diese Erfolgsgeschichten. Aber die Startup-Welt besteht eben nicht nur aus Finanzierungsrunden und glamourösen Bühnenauftritten. Sie besteht vor allem aus Unsicherheit.
Viele Gründer leben über Jahre in einem Zustand permanenter Instabilität. Keine Sicherheit, kein geregeltes Einkommen, ständig neue Risiken. Von außen sieht das oft aufregend aus. Von innen ist es häufig enorm belastend.
In Dokumentationen sieht man häufig junge Gründer voller Euphorie. Menschen kündigen ihre Jobs, ziehen in andere Städte, setzen alles auf eine Idee. Was treibt diese Menschen an?
Zunächst einmal Idealismus. Die meisten gründen nicht wegen des schnellen Geldes. Sie gründen, weil sie an etwas glauben.
Viele denken: „Ich habe eine Idee, die wirklich etwas verändern kann.“ Und genau dieser Gedanke entwickelt eine enorme Kraft. Menschen geben sichere Jobs auf, verzichten auf Gehalt, verschieben Familienplanung oder ziehen in völlig neue Städte.
Von außen wirkt das manchmal irrational. Aber Unternehmertum hat immer auch etwas Emotionales.
Gleichzeitig zeigen viele Gründer erstaunliche Opferbereitschaft.
Ja, teilweise bis zur Selbstaufgabe. Das ist ein großes Problem in der Startup-Kultur.
Es gibt diese romantische Vorstellung vom kompromisslosen Gründer, der Tag und Nacht arbeitet, krank Präsentationen hält und niemals aufgibt. Viele feiern genau diese Geschichten.
Aber ehrlich gesagt: Das ist langfristig oft hochgefährlich.
Warum?
Weil viele Gründer irgendwann vergessen, dass sie keine Maschinen sind. Sie stehen permanent unter Druck. Finanzierung, Produktentwicklung, Teamführung, Existenzängste – alles gleichzeitig.
Und trotzdem müssen sie nach außen immer Stärke zeigen. Niemand möchte Investoren oder Mitarbeitern vermitteln, dass intern gerade Chaos herrscht.
Das führt dazu, dass viele emotional irgendwann komplett erschöpft sind.
Burnout scheint in der Szene ein riesiges Thema zu sein.
Absolut. Darüber wird aber viel zu wenig ehrlich gesprochen.
Viele Gründer definieren sich komplett über ihr Unternehmen. Das Startup wird zur eigenen Identität. Wenn etwas schiefgeht, fühlt sich das nicht wie ein geschäftlicher Rückschlag an, sondern wie persönliches Scheitern.
Gerade in Deutschland kommt noch hinzu, dass Scheitern gesellschaftlich immer noch deutlich negativer gesehen wird als etwa in den USA.
Dabei gilt die Startup-Welt doch offiziell als besonders offen für Fehlerkultur.
Das ist die Theorie. In der Praxis sieht es oft anders aus.
Natürlich spricht jeder gern davon, dass Scheitern dazugehört. Aber solange ein Unternehmen erfolgreich wächst, wird man gefeiert. Wenn es scheitert, wird es plötzlich still.
Viele Gründer erleben dann zum ersten Mal, wie einsam diese Welt werden kann.
Besonders hart scheint das bei Insolvenzen zu sein.
Ja. Und viele unterschätzen völlig, welche emotionalen Folgen das hat.
Wenn ein Startup scheitert, geht es ja nicht nur um Zahlen. Da brechen Beziehungen auseinander, Freundschaften zerfallen, Gründerteams zerstreiten sich. Menschen haben oft gemeinsam jahrelang auf ein Ziel hingearbeitet.
Und plötzlich geht es nur noch um Schulden, Verantwortung und die Frage, wer welche Fehler gemacht hat.
Gerade zwischen Mitgründern entstehen offenbar häufig Konflikte.
Das passiert ständig. Anfangs sind alle begeistert, voller Energie und Visionen. Aber unter Druck verändert sich Dynamik.
Ein Startup bedeutet Dauerstress. Und Stress verstärkt Unterschiede im Charakter. Manche Menschen werden kontrollierender, andere ziehen sich zurück, manche verlieren Motivation.
Wenn dafür keine klaren Strukturen existieren, eskaliert das schnell.
Viele Gründer unterschätzen offenbar, wie lange diese Belastung anhält.
Definitiv. Viele denken am Anfang noch in Monaten. Tatsächlich sprechen wir oft über Zeiträume von fünf bis zehn Jahren.
Und diese Jahre fühlen sich selten stabil an. Es gibt ständig neue Unsicherheiten. Neue Finanzierungsrunden. Neue Konkurrenz. Neue Probleme.
Selbst erfolgreiche Gründer leben oft permanent mit dem Gefühl, dass alles jederzeit zusammenbrechen könnte.
Gleichzeitig faszinieren Startups weiterhin unglaublich viele Menschen.
Weil Unternehmertum natürlich auch eine enorme Energie entfaltet. Wer etwas Eigenes aufbaut, erlebt eine Intensität, die klassische Jobs oft nicht bieten.
Da entsteht Dynamik, Kreativität, Geschwindigkeit. Menschen wollen gestalten. Sie wollen beweisen, dass ihre Idee funktioniert.
Und manchmal funktioniert es tatsächlich.
Viele Startups kämpfen jedoch schon in der Frühphase mit Bürokratie und Förderprogrammen.
Deutschland macht es Gründern in manchen Bereichen unnötig schwer.
Gerade bei Förderungen erleben viele eine unglaubliche Komplexität. Lange Wartezeiten, komplizierte Anträge, unklare Prozesse. Für ein Startup ist das fatal, weil junge Unternehmen Zeit nicht einfach aussitzen können.
Wenn ein Gründer monatelang auf Entscheidungen warten muss, gefährdet das oft die gesamte Planung.
Besonders internationale Gründer berichten von Problemen.
Ja, vor allem beim Thema Visa und Aufenthaltsrecht. Deutschland sagt zwar gern, dass man Innovation fördern möchte. Gleichzeitig verlieren sich viele internationale Gründer in bürokratischen Prozessen.
Und das ist gefährlich. Denn Innovation ist längst global geworden. Talente können heute fast überall gründen.
Viele Gründer kritisieren außerdem fehlende Netzwerke außerhalb großer Zentren wie Berlin oder München.
Das stimmt teilweise. In Regionen ohne starkes Startup-Ökosystem fehlt oft Zugang zu Investoren, Mentoren und erfahrenen Unternehmern.
Dabei wird häufig unterschätzt, wie wichtig Netzwerke in dieser Welt sind. Startups funktionieren selten komplett isoliert. Empfehlungen, Kontakte und Austausch spielen eine enorme Rolle.
Trotzdem entstehen inzwischen auch außerhalb der großen Metropolen erfolgreiche Unternehmen.
Ja, absolut. Und oft sogar sehr spannende.
Gerade kleinere Regionen bieten manchmal Vorteile: geringere Kosten, engere Netzwerke, weniger Konkurrenzdruck. Viele Gründer schätzen außerdem die ruhigere Umgebung.
Das eigentliche Problem ist häufig weniger die Region selbst als fehlender Zugang zu Kapital und erfahrenen Investoren.
Venture Capital verändert die Startup-Welt massiv. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Venture Capital ist gleichzeitig Treiber und Risiko.
Ohne Risikokapital würden viele Innovationen niemals entstehen. Aber sobald Investoren einsteigen, verändert sich die Dynamik eines Unternehmens radikal.
Dann geht es nicht mehr nur um gute Ideen. Dann geht es um Wachstum, Skalierung und Rendite.
Bedeutet das automatisch Druck?
Ja. Denn Venture Capital funktioniert mathematisch.
Investoren wissen, dass viele Startups scheitern werden. Deshalb brauchen sie einige wenige Firmen, die extrem groß werden. Genau daraus entsteht der enorme Wachstumsdruck.
Für Gründer bedeutet das: schneller wachsen, schneller skalieren, schneller neue Märkte erobern.
Und genau daran zerbrechen viele?
Oft ja.
Manche Unternehmen wären eigentlich gesunde mittelständische Firmen geworden. Aber durch den Druck, immer schneller wachsen zu müssen, verlieren sie irgendwann die Kontrolle über ihre Strukturen.
Zu schnelles Wachstum kann genauso gefährlich sein wie zu wenig Wachstum.
Wird Unternehmertum heute romantisiert?
Definitiv.
Social Media verstärkt das noch zusätzlich. Dort sieht man fast nur Erfolgsmeldungen: neue Investments, neue Büros, neue Partnerschaften.
Niemand postet nachts um drei auf LinkedIn: „Wir wissen nicht, wie wir nächsten Monat die Gehälter zahlen sollen.“
Aber genau diese Realität gehört genauso zur Startup-Welt.
Viele Gründer sprechen inzwischen bewusster über mentale Gesundheit.
Und das ist wichtig.
Die Startup-Szene muss lernen, dass permanente Selbstüberforderung kein Qualitätsmerkmal ist. Schlafmangel und Burnout sind keine Auszeichnungen.
Langfristig erfolgreiche Unternehmer schaffen es meistens gerade deshalb, weil sie lernen, mit Druck umzugehen – nicht weil sie sich komplett zerstören.
Was würden Sie jungen Gründern heute raten?
Zuerst: Gründen Sie nicht nur wegen des Hypes.
Ein Startup klingt oft glamouröser, als es sich im Alltag anfühlt. Man braucht enorme Belastbarkeit, Frustrationstoleranz und Geduld.
Und zweitens: Bauen Sie früh stabile Strukturen auf. Gute Mitgründer, klare Rollen, professionelle Beratung und ein belastbares Netzwerk.
Denn am Ende scheitern viele Unternehmen nicht an der Idee – sondern daran, dass Menschen den Druck auf Dauer nicht mehr tragen können.


