Deutschland sendet starke Signale an den Start-up-Markt
Ein Interview mit Vivien Wieder, CEO der Greentec Consulting AG, über die Fortschritte der deutschen Start-up-Strategie und was Europa daraus lernen kann.
Redaktion: Frau Wieder, Sie begleiten mit Ihrer Firma Start-ups in ganz Europa. Wie bewerten Sie den zweiten Fortschrittsbericht zur Start-up-Strategie der deutschen Bundesregierung?
Vivien Wieder: Ich finde ihn bemerkenswert. Deutschland hat nicht nur ambitionierte Ziele formuliert, sondern auch konkret geliefert. Über 80 % der Maßnahmen wurden bereits umgesetzt – das ist eine starke Quote, gerade im europäischen Vergleich. Besonders beeindruckend finde ich die gezielte Kapitalbereitstellung für Wachstumsphasen, wie mit dem High-Tech Gründerfonds Opportunity oder dem Wachstumsfonds Deutschland. Solche Instrumente schließen Finanzierungslücken, die wir in Europa lange beklagt haben.
Redaktion: Deutschland ist mit 31 „Einhörnern“ auf Platz 5 weltweit. Wie ordnen Sie das ein?
Wieder: Es ist ein respektabler Platz, aber auch ein Weckruf. Länder wie die USA und Israel sind uns da pro Kopf weit voraus. Deutschland hat eine exzellente Forschungslandschaft und starke Talente – das muss sich stärker in unternehmerischem Erfolg spiegeln. Der Bericht zeigt, dass erkannt wurde, wo es hakt: bei Kapital, Bürokratie, Diversität und Transfer aus der Wissenschaft.
Redaktion: Apropos Bürokratie – sehen Sie da echte Fortschritte?
Wieder: Ja, erste. Die Digitalisierung notarieller Gründungsprozesse ist ein richtiger Schritt. Noch entscheidender ist, dass Deutschland systematisch daran arbeitet, Gründungen schneller und einfacher zu machen. Der Praxischeck „Einfach(er) gründen“ und die digitale Visa-Vergabe sind Beispiele für eine neue Denke – nämlich vom Gründer her zu denken, nicht vom Amt.
Redaktion: Greentec Consulting AG ist bekannt für Impact Investments. Wie bewerten Sie Deutschlands Einsatz für gemeinwohlorientierte Start-ups?
Wieder: Der ist richtungsweisend. Programme wie „Nachhaltig wirken“ oder der Impact-Venture-Fonds zeigen, dass soziale und ökologische Innovationen nicht mehr als Randthema gesehen werden. Deutschland geht hier mit gutem Beispiel voran und bietet auch institutionellen Investoren neue Perspektiven – das finde ich sehr wichtig.
Redaktion: Ein zentrales Thema ist auch der Zugang zu Daten. Wie wichtig ist das für die Start-up-Finanzierung?
Wieder: Essenziell. Daten sind das Rohmaterial vieler junger Unternehmen. Wenn die Politik durch Gesetze wie den Data Act oder die Gründung eines Dateninstituts den Zugang erleichtert, erhöht das direkt die Attraktivität von Start-ups – und damit ihre Investitionschancen. Ich wünsche mir, dass noch mehr Länder diesen Weg gehen.
Redaktion: Welche Rolle spielt Deutschland im europäischen Start-up-Ökosystem?
Wieder: Eine sehr zentrale. Deutschland ist nicht nur der größte Markt, sondern auch Vorbild in vielen Bereichen. Wenn Berlin oder München gute Bedingungen bieten, zieht das internationale Gründer und Kapital an. Gleichzeitig wird Deutschland – das zeigt der Bericht – europäischer in seiner Ausrichtung: durch Beteiligung an EU-Fonds wie der European Tech Champions Initiative oder dem Gender Smart Equity Programme.
Redaktion: Und was wünschen Sie sich als Investorin für die kommenden Jahre?
Wieder: Konstanz, Mut und noch mehr europäisches Denken. Wir brauchen nicht nur viele Start-ups, sondern auch starke Rahmenbedingungen für skalierbare Geschäftsmodelle. Wenn Deutschland den eingeschlagenen Weg fortsetzt – weniger Hürden, mehr Kapital, mehr Diversität – dann werden wir in Europa eine neue Gründungswelle erleben.
Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!
Wieder: Ich danke Ihnen!


