„Viele Gründer verkaufen Hoffnung – manchmal mehr als Realität“
- By Redaktion
- Mai 25, 2026
Venture-Capital-Pionier Alfred Wieder über die brutalen Regeln der Startup-Welt, die Illusion vom schnellen Erfolg und die Frage, warum so viele Unternehmen am eigenen Wachstum scheitern
Herr Wieder, wenn man Startup-Events besucht, wirkt alles wie eine einzige Erfolgsgeschichte. Junge Gründer, große Visionen, Investoren, Applaus. Wie viel davon ist Realität?
Natürlich gibt es diese Erfolgsgeschichten. Sonst würde niemand investieren. Aber die Wahrheit ist: Die meisten Start-ups leben viel näher am Abgrund, als die Öffentlichkeit glaubt. Was man außen sieht, ist oft nur die Hochglanzversion.
Die Presse liebt ihre Stars. Die nächsten Tech-Wunderkinder. Die Gründer, die Millionen einsammeln. Aber hinter den Kulissen herrscht oft permanenter Ausnahmezustand. Viele Unternehmen haben vielleicht noch ein paar Monate Geld auf dem Konto. Manche wissen nicht, ob sie nächste Woche noch Gehälter zahlen können.
Trotzdem präsentieren sich Gründer fast immer optimistisch.
Weil sie gar keine andere Wahl haben. Ein Startup verkauft am Anfang keine Stabilität, sondern Zukunft. Und Zukunft verkauft man nicht mit Angst.
Ein Gründer muss Investoren davon überzeugen, dass seine Vision funktioniert. Selbst wenn intern längst Zweifel existieren. Sobald Unsicherheit sichtbar wird, entsteht ein Problem. Dann werden Investoren nervös, Mitarbeiter fragen nach Sicherheit und Kunden verlieren Vertrauen.
Deshalb entwickelt sich in dieser Szene eine Kultur des permanenten Optimismus.
Das klingt psychologisch extrem belastend.
Das ist es auch. Viele unterschätzen das komplett. Von außen sieht Unternehmertum oft glamourös aus. In Wahrheit bedeutet es häufig Stress, Schlafmangel und emotionale Daueranspannung.
Gründer identifizieren sich extrem mit ihrem Unternehmen. Das ist nicht einfach irgendein Job. Es ist oft ihr Lebensprojekt. Wenn das scheitert, fühlt es sich nicht wie ein normales wirtschaftliches Problem an, sondern wie persönliches Versagen.
Und trotzdem müssen sie am nächsten Morgen wieder auf einer Bühne stehen und erzählen, wie fantastisch alles läuft.
Warum fasziniert diese Welt trotzdem so viele Menschen?
Weil sie natürlich auch unglaublich aufregend ist. Da entstehen neue Technologien, neue Produkte, neue Ideen. Menschen bauen Dinge auf, die es vorher nicht gab. Das hat eine enorme Energie.
Und es gibt diesen Traum vom großen Durchbruch. Viele glauben: Wenn es klappt, verändert sich mein ganzes Leben. Dieser Gedanke zieht Menschen magisch an.
Venture Capital spielt dabei eine zentrale Rolle. Wie verändert Geld die Dynamik eines Startups?
Massiv. Sobald Investoren einsteigen, verändern sich die Regeln. Dann geht es nicht mehr nur darum, ein gutes Produkt zu entwickeln. Dann geht es um Wachstum.
Ein Venture-Capital-Investor investiert nicht, damit ein Unternehmen langsam gesund wächst. Das Ziel lautet Skalierung. Schnell größer werden. Neue Märkte erobern. Umsatz vervielfachen.
Das Problem ist: Dieses Wachstum erzeugt enormen Druck.
Viele Gründer sprechen davon, dass sie plötzlich Erwartungen erfüllen müssen, die kaum realistisch sind.
Das passiert ständig. Anfangs läuft ein Unternehmen vielleicht vernünftig. Vier Kunden, kleiner Markt, langsames Wachstum. Dann kommt Kapital dazu und plötzlich heißt es: Warum nicht Deutschland? Warum nicht Europa? Warum nicht direkt die USA?
Mit jedem Investment steigen die Erwartungen. Mehr Mitarbeiter, größere Büros, aggressiveres Wachstum. Und wenn die Zahlen dann nicht schnell genug steigen, kippt die Stimmung.
Ist das der Moment, an dem viele Startups scheitern?
Oft ja. Nicht unbedingt, weil die Idee schlecht ist. Sondern weil die Geschwindigkeit tödlich wird.
Es gibt Firmen, die eigentlich ein gesundes mittelständisches Unternehmen hätten werden können. Doch durch den Wachstumsdruck verbrennen sie plötzlich riesige Summen. Der Markt entwickelt sich langsamer als gedacht, Investoren verlieren Geduld und auf einmal steht alles infrage.
Viele Gründer berichten, dass sie irgendwann nur noch von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde leben.
Das ist die Realität vieler Startups. Nach der Finanzierung ist vor der nächsten Finanzierung. Dieses System hört nie auf.
Man darf nicht vergessen: Viele dieser Firmen schreiben jahrelang keine Gewinne. Sie leben ausschließlich vom Vertrauen der Investoren. Sobald dieses Vertrauen bröckelt, wird es gefährlich.
Trotzdem wird die Startup-Welt oft romantisiert.
Weil Erfolg spektakulärer aussieht als Scheitern. Niemand macht eine glamouröse Dokumentation über Gründer, die nachts nicht schlafen können oder überlegen, wen sie entlassen müssen.
Aber genau das gehört zur Realität dazu. Viele Gründer stehen emotional permanent unter Hochspannung. Manche ziehen sich sozial zurück, manche geraten gesundheitlich an ihre Grenzen.
Hat die Startup-Szene ein Ehrlichkeitsproblem?
Definitiv. Die Szene produziert ein Bild permanenter Stärke. Niemand postet öffentlich: „Wir sind kurz vor dem Kollaps.“
Stattdessen sieht man Erfolgsmeldungen, neue Partnerschaften, optimistische LinkedIn-Beiträge. Das erzeugt einen enormen sozialen Druck. Gründer vergleichen sich ständig mit anderen und glauben, alle anderen hätten ihr Unternehmen perfekt im Griff.
Dabei kämpfen viele mit denselben Problemen.
Sie beobachten die Szene seit Jahrzehnten. Hat sie sich verändert?
Ja. Früher ging es häufiger darum, langfristig etwas aufzubauen. Heute denken viele Startups von Anfang an in Exits.
Das Ziel ist dann nicht unbedingt, ein Unternehmen für die nächsten dreißig Jahre aufzubauen. Sondern möglichst schnell zu wachsen und später verkauft zu werden.
Ist das überhaupt noch klassisches Unternehmertum?
Das ist die große philosophische Frage. Manche Gründer wollen tatsächlich etwas Dauerhaftes schaffen. Andere sehen Startups eher als Hochgeschwindigkeitsmodell: schnell wachsen, verkaufen, nächstes Projekt.
Beides existiert nebeneinander. Aber Venture Capital bevorzugt natürlich jene Modelle, die schnell skalieren und hohe Renditen versprechen.
Gibt es inzwischen eine Gegenbewegung?
Ja, und die finde ich spannend. Manche Gründer sagen inzwischen bewusst: Wir wollen langsamer wachsen. Weniger abhängig sein. Nicht sofort Millionen aufnehmen.
Eigenfinanzierte Unternehmen wirken weniger spektakulär, aber sie können stabiler sein. Gründer behalten mehr Kontrolle und müssen nicht permanent fremde Erwartungen erfüllen.
Was würden Sie jungen Gründern heute raten?
Sie sollten sich zuerst ehrlich fragen, warum sie gründen wollen.
Wollen sie wirklich Unternehmer sein? Oder folgen sie nur einem gesellschaftlichen Hype? Denn Unternehmertum klingt oft cooler, als es sich im Alltag anfühlt.
Und sie sollten verstehen: Kapital ist niemals neutral. Wer Geld von Investoren annimmt, kauft sich automatisch Erwartungen ein.
Trotzdem glauben Sie weiterhin an Startups?
Natürlich. Innovation braucht Menschen, die Risiken eingehen. Viele wichtige Entwicklungen wären ohne diese Kultur nie entstanden.
Aber wir müssen endlich ehrlicher über die Realität sprechen. Über Druck, Angst, Scheitern und Überforderung. Denn genau dort entscheidet sich oft, ob aus einer Idee wirklich ein Unternehmen wird – oder nur eine weitere schöne Präsentation auf einer Investorenbühne.


