Australien und Neuseeland: 111 Millionen Dollar für sieben Startups – FinTech, Elektroboote und DefenceTech führen die Woche an
Australien und Neuseeland erleben eine bemerkenswert starke Startup-Woche. Sieben Unternehmen sammelten zusammen rund 111,5 Millionen australische Dollar ein. Constantinople führt das Feld an, während das neuseeländische Vessev mit elektrischen Hydrofoil-Schiffen einen internationalen Transportmarkt angreift.
Australien und Neuseeland stehen im globalen Venture-Capital-Markt häufig im Schatten der USA, Europas und Asiens. Die jüngsten Finanzierungszahlen zeigen jedoch ein überraschend vielseitiges Ökosystem.
Sieben australische und neuseeländische Startups haben innerhalb der jüngsten Finanzierungswoche zusammen rund 111,5 Millionen australische Dollar aufgenommen. Die Unternehmen kommen aus FinTech, MarineTech, AgriTech, DefenceTech, künstlicher Intelligenz und wissenschaftlicher Forschung.
Constantinople erhält 62,5 Millionen Dollar
Die größte Runde gelang dem australischen FinTech Constantinople.
Das Unternehmen hat 62,5 Millionen australische Dollar von bestehenden Investoren aufgenommen. Airtree Ventures und Square Peg Capital führten die Finanzierung an.
Constantinople wurde 2022 von den ehemaligen Westpac-Managern Dianne Challenor und Macgregor Duncan gegründet.
Das Unternehmen bietet kleineren und mittelgroßen Banken eine Art technologische Komplettinfrastruktur – ein „Bank in a Box“-Modell. Banken können zentrale operative Prozesse über die Plattform abwickeln und sich stärker auf Kundenbeziehungen und Vertrieb konzentrieren.
Nach Angaben von SmartCompany arbeitet Constantinople inzwischen mit acht Banken zusammen; zwei weitere sollen bis Ende des Jahres hinzukommen.
Die Finanzierung bringt das Unternehmen näher an den Unicorn-Status und zeigt, dass australische FinTechs weiterhin international relevante Plattformmodelle entwickeln können.
Vessev erhält 27 Millionen Dollar
Der technologisch auffälligste Deal kommt aus Neuseeland.
Das MarineTech Vessev hat 27 Millionen australische Dollar in einer Series A und anschließender Finanzierung aufgenommen.
Blackbird Ventures führte die Runde an. Neue Investoren sind unter anderem GD1 und Rypples; bestehende Geldgeber wie K1W1, Icehouse Ventures, Shasta Ventures und NZVC beteiligten sich ebenfalls.
Vessev entwickelt elektrische Hydrofoil-Schiffe.
Bei höherer Geschwindigkeit hebt sich der Schiffsrumpf mithilfe von Tragflächen teilweise aus dem Wasser. Dadurch sinkt der Widerstand erheblich. Die Schiffe können leiser, effizienter und mit geringerer Wellenbildung betrieben werden.
Das Unternehmen will das Kapital verwenden, um die Produktion seiner Modelle VS-9 und VS-12 hochzufahren, den internationalen Vertrieb auszubauen und Software sowie Telemetrieplattform weiterzuentwickeln.
Vessev arbeitet bereits an Projekten in Australien, Neuseeland, den USA und Europa.
Damit könnte aus einem neuseeländischen DeepTech-Startup ein internationaler Anbieter für emissionsärmeren Wassertransport entstehen.
Nbryo stockt Seed-Runde auf 20 Millionen Dollar auf
Auch AgriTech zieht Kapital an.
Das australische Startup Nbryo hat seine Seed-Finanzierung um weitere zehn Millionen australische Dollar auf insgesamt 20 Millionen Dollar erhöht.
Unter anderem beteiligt sich der neue staatlich unterstützte Sowing the Seeds of Farming Innovation Fund mit zwei Millionen Dollar. Weitere Unterstützer sind unter anderem die Gates Foundation, AgriZero und Tenacious Ventures.
Nbryo entwickelt fortschrittliche Reproduktionstechnologien für die Landwirtschaft.
Das Unternehmen will Zuchtprozesse effizienter machen und damit Produktivität und genetischen Fortschritt in Viehbeständen beschleunigen.
Der Deal ist ein gutes Beispiel dafür, wie Australien seine starke Landwirtschaft mit DeepTech und Biotechnologie verbindet.
Sophiie AI erhält fünf Millionen Dollar
Vom Gold Coast kommt eine klassische AI-Wachstumsgeschichte.
Sophiie AI hat fünf Millionen australische Dollar Seed-Kapital aufgenommen und wird dabei mit rund 30 Millionen Dollar bewertet.
Zu den Investoren gehören Archangel Ventures, Admiralty Capital Group, Antler, Gandel Invest und Aussie Angels.
Sophiie entwickelt eine AI-Plattform für Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen.
Ursprünglich als virtueller AI-Rezeptionist gestartet, entwickelt sich die Plattform inzwischen zu einem umfassenderen Betriebssystem. Kundenanfragen, Terminplanung, Angebote, Rechnungen und Kommunikation sollen weitgehend automatisiert werden.
Das Unternehmen berichtet bereits von mehreren Tausend Kunden in Australien, Neuseeland und Großbritannien und will noch in diesem Jahr in die USA expandieren.
Seitec erhält vier Millionen Dollar für DefenceTech
Auch Australiens DefenceTech-Sektor wächst.
Das Canberra-Startup Seitec hat vier Millionen australische Dollar aufgenommen.
ACTivate Capital führte die Finanzierung mit 1,5 Millionen Dollar an. Daneben beteiligen sich Beaten Zone Venture Partners und die University of New South Wales.
Seitec entwickelt passive Sensortechnologie für schwierige und umkämpfte Einsatzgebiete.
Das System soll Aktivitäten erkennen und klassifizieren können, ohne durch aktive Signale die Position des Nutzers preiszugeben.
Das Unternehmen wurde von Daniel Stevens gegründet, der zuvor zwei Jahrzehnte als Avioniktechniker bei der Royal Australian Air Force tätig war.
Das Kapital soll insbesondere die internationale Expansion zu verbündeten Staaten ermöglichen.
Damit folgt Australien demselben Trend wie Deutschland, Großbritannien und die USA: DefenceTech wird zunehmend als Venture-Capital-Kategorie etabliert.
Bower entwickelt „Augmented Research“
Einen ungewöhnlichen Ansatz verfolgt Bower vom Gold Coast.
Das AI-Startup hat zwei Millionen australische Dollar Pre-Seed-Kapital aufgenommen. TEN13 führte die Runde an; Admiralty Capital Group und Edale Capital beteiligten sich ebenfalls.
Bower bezeichnet seinen Ansatz als „Augmented Research“.
Wissenschaftler sollen Smart Glasses sowie mobile und Desktop-Anwendungen nutzen können, um Experimente automatisch zu dokumentieren.
Die Software soll verstehen, was Forscher gerade tun, Informationen erfassen, administrative Prozesse automatisieren und relevantes institutionelles Wissen in Echtzeit verfügbar machen.
CEO Michelle MacRae bringt dafür interessante Erfahrung mit: Sie arbeitete zuvor bei Microsoft im Bereich generativer Videotechnologie.
Bower zeigt damit, wie stark sich AI-Anwendungen inzwischen spezialisieren. Statt eines allgemeinen Chatbots entsteht Software für sehr konkrete professionelle Arbeitsabläufe.
Visaible.ai will Hotels für ChatGPT und Gemini sichtbar machen
Ein weiteres junges Unternehmen adressiert einen Markt, den es vor wenigen Jahren praktisch noch nicht gab.
Das Sydney-Startup Visaible.ai hat eine Million australische Dollar aufgenommen. Blacksheep Capital führte die Finanzierung an.
Visaible untersucht, wie Hotels in Antworten von AI-Systemen erscheinen.
Während Unternehmen jahrzehntelang Suchmaschinenoptimierung für Google betrieben haben, entsteht mit ChatGPT, Gemini und Claude eine neue Form der Produktsuche.
Visaible analysiert, ob Hotels in diesen Systemen empfohlen werden und welche Informationen AI-Modelle über sie verwenden. AI-Agenten können anschließend Inhalte, strukturierte Daten und FAQs anpassen.
Damit entsteht eine neue Marketingkategorie: Optimierung nicht mehr ausschließlich für Suchmaschinen, sondern für Large Language Models.
Blackbird sammelt selbst mehr als eine Milliarde Dollar ein
Ein besonders wichtiges Signal für das gesamte Ökosystem kommt nicht von einem Startup, sondern von einem Investor.
Blackbird Ventures, einer der wichtigsten Venture-Capital-Investoren Australiens und Neuseelands, hat seinen sechsten Fonds mit mehr als einer Milliarde australischen Dollar geschlossen.
Damit entsteht zusätzliches lokales Wachstumskapital – ein entscheidender Faktor für ein Ökosystem, dessen erfolgreichste Unternehmen für größere Runden bislang häufig auf amerikanische Investoren angewiesen waren.
Ozeanien entwickelt eine eigene DeepTech-Identität
Die sieben Finanzierungen zeigen ein erstaunlich breites technologisches Spektrum.
Banking-Infrastruktur, elektrische Hydrofoil-Schiffe, Reproduktionstechnologie für Landwirtschaft, Defence-Sensorik, AI für Handwerksunternehmen, AI-gestützte Forschung und Optimierung für generative Suchsysteme haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam.
Genau darin liegt jedoch die Stärke des Ökosystems.
Australien und Neuseeland versuchen nicht, Silicon Valley zu kopieren. Besonders interessante Unternehmen entstehen dort, wo regionale Kompetenzen vorhanden sind: Landwirtschaft, maritime Technologien, Verteidigung, wissenschaftliche Forschung und FinTech.
Vessev ist dafür möglicherweise das beste Beispiel.
Ein neuseeländisches Unternehmen entwickelt elektrische Schiffe, produziert für einen globalen Markt und expandiert gleichzeitig nach Australien, Europa und in die USA.
Damit zeigt Ozeanien, dass ein vergleichsweise kleiner Heimatmarkt kein Hindernis sein muss.
Er kann Unternehmen sogar dazu zwingen, von Beginn an global zu denken.


