14. June 2026

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Interviews

„Die meisten Start-ups leben näher am Abgrund, als Investoren glauben wollen“

„Die meisten Start-ups leben näher am Abgrund, als Investoren glauben wollen“

Ein Gespräch mit Venture-Capital-Pionier Alfred Wieder über die Illusion des schnellen Erfolgs, schlaflose Nächte und die brutalen Regeln der Startup-Welt

Herr Wieder, die Startup-Welt verkauft sich gern als Ort grenzenloser Möglichkeiten. Ist das Bild falsch?

Natürlich ist es nicht komplett falsch. Innovation entsteht oft genau dort. Junge Menschen probieren Dinge aus, gehen Risiken ein, entwickeln Technologien, die große Unternehmen nie hervorgebracht hätten. Aber das Bild, das öffentlich gezeigt wird, ist extrem verzerrt. Die Medien zeigen fast immer nur die Gewinner. Die Finanzierungsrunden. Die Preisverleihungen. Die erfolgreichen Exits.

Was man selten sieht, sind die schlaflosen Nächte, die Existenzängste und die Tatsache, dass viele dieser Firmen nur noch wenige Monate überleben würden, wenn kein neues Geld kommt.

Sie sprechen von einer Art Inszenierung?

Ja, absolut. Die Startup-Welt lebt von Inszenierung. Ein Gründer muss immer Zuversicht ausstrahlen. Selbst wenn intern längst Panik herrscht. Sobald ein Investor merkt, dass Unsicherheit entsteht, wird es gefährlich. Dann springen Kunden ab, Mitarbeiter werden nervös und plötzlich entsteht eine Abwärtsspirale.

Deshalb lernen Gründer sehr früh: Zweifel darf man nicht zeigen. Nach außen muss immer alles nach Wachstum aussehen.

Das klingt fast wie Theater.

Teilweise ist es das auch. Viele Gründer präsentieren Investoren eine Vision, die noch Jahre entfernt ist. Sie verkaufen Zukunft. Und Zukunft verkauft man nicht mit Vorsicht, sondern mit Begeisterung.

Das Problem ist nur: Irgendwann glauben viele selbst an ihre eigene Erzählung. Dann wird aus ehrgeizigem Unternehmertum schnell Selbstüberforderung.

Warum ist die Startup-Welt so stark auf Wachstum fixiert?

Weil Venture Capital genau darauf basiert. Ein Investor steckt nicht Millionen in ein Unternehmen, damit es langsam und solide wächst. Das Ziel ist immer Skalierung. Möglichst schnell, möglichst groß.

Das Prinzip dahinter ist brutal einfach: Von zehn Start-ups scheitern vielleicht acht oder neun. Deshalb muss eines so erfolgreich werden, dass es alle Verluste ausgleicht. Das führt zwangsläufig dazu, dass enormer Druck entsteht.

Bedeutet das automatisch ungesunde Strukturen?

Nicht automatisch. Aber die Gefahr ist groß. Viele junge Gründer bekommen plötzlich sehr viel Geld und sollen innerhalb kürzester Zeit internationale Unternehmen aufbauen. Neue Märkte, neue Mitarbeiter, neue Finanzierungsrunden. Das klingt aufregend, aber oft fehlt die Erfahrung dafür.

Man darf nicht vergessen: Viele dieser Gründer sind Ende zwanzig oder Anfang dreißig. Sie führen plötzlich Teams, verwalten Millionen und tragen Verantwortung für Existenzen. Gleichzeitig stehen sie permanent unter Beobachtung von Investoren.

Und was passiert, wenn das Wachstum ausbleibt?

Dann wird es sehr schnell unangenehm. Venture Capital funktioniert nach Erwartungen. Solange die Zahlen steigen, ist jeder begeistert. Wenn das Wachstum stockt, kippt die Stimmung sofort.

Viele Gründer erleben dann zum ersten Mal, wie hart dieses System wirklich ist. Investoren sprechen gern von Partnerschaft. Aber am Ende bleibt Venture Capital Kapitalismus. Geld wird investiert, um mehr Geld daraus zu machen.

Sie sagen das erstaunlich offen.

Weil man darüber ehrlicher sprechen muss. Es gibt diese romantische Vorstellung vom Startup als kreativer Spielwiese. Tatsächlich bewegen sich viele Firmen permanent am Rand des Bankrotts.

Viele Gründer verzichten monatelang auf ihren Lohn. Manche überlegen täglich, ob sie Mitarbeiter entlassen müssen. Und trotzdem gehen sie auf Bühnen und erzählen, wie großartig alles läuft.

Warum tun Menschen sich das an?

Weil Unternehmertum auch etwas Emotionales ist. Viele Gründer glauben wirklich an ihre Idee. Sie wollen Probleme lösen, Technologien entwickeln oder Märkte verändern.

Und dann gibt es natürlich noch diesen besonderen Moment, wenn etwas tatsächlich funktioniert. Wenn ein Kunde begeistert ist. Wenn ein Produkt plötzlich Nachfrage erzeugt. Das kann unglaublich motivierend sein.

Startup-Gründer erleben oft extreme Höhen und extreme Tiefen. Genau das macht diese Welt gleichzeitig faszinierend und gefährlich.

Viele Start-ups enden mit einem sogenannten Exit. Also dem Verkauf des Unternehmens. Ist das überhaupt noch klassisches Unternehmertum?

Das ist eine interessante Frage. Früher bedeutete Unternehmertum oft, etwas für Jahrzehnte aufzubauen. Heute gründen manche Unternehmen bereits mit dem Ziel, sie später zu verkaufen.

Für Investoren ist das logisch. Sie brauchen einen Exit, um Gewinne zu realisieren. Aber nicht jeder Gründer identifiziert sich damit. Manche wollen tatsächlich langfristig etwas Eigenes schaffen.

Verändert das auch die Mentalität der Gründer?

Definitiv. Viele kommen mit idealistischen Vorstellungen in die Szene. Sie wollen gestalten, innovieren, unabhängig sein. Doch sobald Investoren einsteigen, verändern sich oft die Prioritäten.

Plötzlich geht es um Wachstumsraten, Marktanteile und Skalierung. Nicht mehr nur darum, ein gutes Produkt zu entwickeln.

Gibt es inzwischen eine Gegenbewegung?

Ja, die sehe ich durchaus. Manche Gründer wollen bewusst kleiner bleiben. Langsamer wachsen. Weniger abhängig von Investoren sein.

Das wirkt auf den ersten Blick weniger spektakulär. Aber es kann gesünder sein. Nicht jedes Unternehmen muss ein Unicorn werden.

Hat die Startup-Welt ein Ehrlichkeitsproblem?

Ja. Definitiv. Scheitern gehört zwar offiziell zur Kultur dazu, aber in Wirklichkeit wird Erfolg massiv glorifiziert. Niemand postet auf LinkedIn: „Unser Unternehmen steht kurz vor der Insolvenz.“

Die Szene lebt von Optimismus. Das ist einerseits notwendig, andererseits erzeugt es enormen psychischen Druck.

Was würden Sie jungen Gründern heute raten?

Sie sollten sich sehr genau überlegen, warum sie gründen. Wollen sie wirklich ein Unternehmen aufbauen? Oder folgen sie nur einem Hype?

Und sie müssen verstehen: Venture Capital ist kein Geschenk. Es ist Kapital mit Erwartungen. Wer dieses Geld annimmt, akzeptiert automatisch ein System, das schnelles Wachstum verlangt.

Und trotzdem fasziniert Sie diese Welt bis heute?

Natürlich. Weil dort echte Innovation entsteht. Weil Menschen den Mut haben, Dinge auszuprobieren, die scheitern könnten.

Aber man sollte endlich aufhören, diese Welt nur als glamouröse Erfolgsgeschichte zu erzählen. Die Wahrheit ist viel komplizierter – und viel menschlicher.

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