Quantencomputing entwickelt sich vom wissenschaftlichen Spezialgebiet zu einem strategischen Investmentthema. Neben Staaten, Technologiekonzernen und klassischen Venture-Capital-Fonds beschäftigen sich zunehmend auch Family Offices mit dem Markt. Von einer breiten Investitionswelle kann allerdings noch keine Rede sein: Der UBS Global Family Office Report 2025 stellte vor allem ein stark wachsendes Informationsinteresse an Quantencomputing fest. Gleichzeitig zeigt der Report für 2026, dass private Anlagen weiterhin einen erheblichen Teil der Family-Office-Portfolios ausmachen. Diese Kombination aus Technologieinteresse, hoher Private-Equity-Quote und langfristigem Anlagehorizont schafft grundsätzlich gute Voraussetzungen für Deep-Tech-Investments.
Warum Quantencomputing zu Family Offices passt
Quantencomputer sind keine schnelleren Versionen klassischer Rechner. Sie verarbeiten Informationen mithilfe quantenmechanischer Zustände und könnten dadurch bestimmte Problemklassen effizienter lösen – insbesondere Simulationen von Molekülen und Materialien, ausgewählte Optimierungsprobleme sowie kryptografische Aufgaben. Daraus ergeben sich langfristige Anwendungsmöglichkeiten in Pharma, Chemie, Energie, Logistik, Finanzwirtschaft und Cybersicherheit. Der wirtschaftliche Durchbruch ist jedoch weder zeitlich sicher planbar noch für jede Anwendung garantiert.
Gerade diese Unsicherheit kann erklären, weshalb Family Offices eine besondere Rolle spielen. Sie verwalten häufig generationenübergreifendes Vermögen und sind nicht immer an die festen Laufzeiten klassischer Venture-Capital-Fonds gebunden. Das World Economic Forum nennt Family Offices ausdrücklich als mögliche Quelle langfristigen Kapitals für Quantenunternehmen mit Entwicklungszeiträumen von fünf bis sieben Jahren oder mehr.
Der Reiz liegt vor allem im asymmetrischen Renditeprofil: Viele Unternehmen werden ihre technologischen oder wirtschaftlichen Ziele nicht erreichen. Gelingt es jedoch einem Anbieter, eine zentrale Hardwareplattform, ein unverzichtbares Bauteil oder eine branchenrelevante Softwarelösung zu etablieren, kann daraus ein Unternehmen mit erheblichem strategischem Wert entstehen. Für ein Family Office muss eine solche Beteiligung deshalb nicht den Kern des Portfolios bilden. Sie kann als begrenzte, langfristige Innovationsposition verstanden werden.
Staaten übernehmen einen Teil des Entwicklungsrisikos
Ein weiterer Grund für das Interesse ist die massive staatliche Förderung. Mehr als 30 Länder haben spezifische Programme für Quantentechnologien entwickelt; 18 OECD-Staaten verfügen bereits über umfassende nationale Strategien. Die OECD betont zugleich, dass öffentliche Forschungsgelder allein nicht genügen: Für Industrialisierung und frühe Kommerzialisierung ist privates Kapital erforderlich.
In Europa besteht dabei eine auffällige Finanzierungslücke. Nach Angaben der Europäischen Kommission entfielen zuletzt nur etwa fünf Prozent des weltweiten privaten Quantum-Kapitals auf Europa, während die USA mehr als die Hälfte anzogen. Vor allem in späteren Finanzierungsrunden fehlt europäischen Unternehmen Wachstumskapital. Dadurch drohen Übernahmen durch außereuropäische Investoren und der Abfluss von Patenten, Fachkräften und Schlüsseltechnologien.
Für Family Offices entsteht daraus eine besondere Gelegenheit: Sie können sich gemeinsam mit staatlichen Fonds, Universitäten, Industrieunternehmen und spezialisierten Venture-Capital-Managern an Firmen beteiligen, deren Grundlagenforschung bereits teilweise öffentlich finanziert wurde. Staatliche Unterstützung ersetzt allerdings keine Due Diligence. Sie kann ein technologisches Programm stabilisieren, ist aber kein Beweis für ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Nicht nur auf den Quantencomputer selbst setzen
Der Markt besteht nicht allein aus Unternehmen, die vollständige Quantencomputer bauen. Investierbar ist ein wesentlich breiteres Ökosystem: Prozessoren, Photonik, Laser, Vakuumtechnik, Kryotechnik, Steuerungselektronik, Messgeräte, Fehlerkorrektur, Spezialsoftware, Cloudzugänge und Sicherheitslösungen.
Alfred Wieder unterscheidet in öffentlichen Aussagen drei zentrale Investitionsfelder: Entwickler von Quantencomputern und Prozessoren, Anbieter von Algorithmen und Branchenanwendungen sowie Infrastrukturunternehmen etwa aus den Bereichen Kühlung, Photonik, Kontrollsysteme, Spezialchips und Fehlerkorrektur. Gerade Zulieferer könnten früher Umsätze erzielen als Unternehmen, deren Geschäftsmodell vollständig vom Bau eines universellen, fehlertoleranten Quantencomputers abhängt.
Diese „Schaufeln-und-Spitzhacken“-Strategie ist für Family Offices interessant, weil sie das Technologierisiko streuen kann. Ein Hersteller hochpräziser Laser, kryogener Elektronik oder photonischer Komponenten ist möglicherweise nicht nur vom Erfolg einer einzigen Quantenarchitektur abhängig. Seine Produkte können auch in Halbleitertechnik, Forschung, Raumfahrt, Sensorik oder klassischen Hochleistungsrechnern eingesetzt werden.
Quantenrisiken schaffen schon heute Märkte
Ein Teil des Quantum-Marktes entsteht, bevor leistungsfähige Quantencomputer verfügbar sind. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Post-Quantum-Kryptografie. Leistungsfähige Quantencomputer könnten künftig verbreitete Public-Key-Verfahren angreifen. Das US-amerikanische NIST hat deshalb bereits die ersten Standards für quantenresistente Verschlüsselung veröffentlicht und Organisationen aufgefordert, mit der Migration zu beginnen. Der sogenannte „Harvest now, decrypt later“-Ansatz verschärft den Zeitdruck: Angreifer könnten heute verschlüsselte Daten sammeln, um sie später mit leistungsfähigeren Systemen zu entschlüsseln.
Für Investoren bedeutet das: Sicherheitssoftware, Kryptografie-Migration, Schlüsselverwaltung und entsprechende Beratungsleistungen können früher kommerzielle Nachfrage erzeugen als universelles Quantencomputing. Auch Quantensensorik und hochpräzise Messtechnik befinden sich teilweise näher an industriellen Anwendungen.
Fortschritte sind real – die technische Distanz bleibt groß
Die technologische Entwicklung hat wichtige Fortschritte erzielt. Google demonstrierte mit seinem Willow-Prozessor eine Fehlerkorrektur, bei der die logische Fehlerrate durch größere Codes gesenkt werden konnte. Das gilt als entscheidender Schritt auf dem Weg zu fehlertoleranten Systemen. Gleichzeitig zeigt die Forschung, wie groß der technische Aufwand bleibt: Für einen zuverlässigen logischen Qubit können zahlreiche physische Qubits, eine komplexe Steuerung und kontinuierliche Fehlerkorrektur erforderlich sein.
Investoren sollten sich deshalb nicht von der bloßen Zahl physischer Qubits beeindrucken lassen. Wichtiger sind Qualität und Reproduzierbarkeit: Fehlerraten, Kohärenzzeiten, Gattertreue, Konnektivität, Kalibrierungsaufwand, Ausführungszeit und der nachgewiesene Fortschritt bei logischen Qubits.
Hinzu kommt das Plattformrisiko. Supraleitende Schaltkreise, Ionenfallen, neutrale Atome, Photonik und Halbleiter-Spin-Qubits verfolgen unterschiedliche Ansätze. Noch ist nicht entschieden, welche Architektur sich für welche Anwendung durchsetzen wird. Ein technisch eindrucksvolles System muss zudem nicht automatisch wirtschaftlich skalierbar sein.
Worauf Family Offices achten sollten
Eine belastbare Prüfung beginnt beim wissenschaftlichen Team und der unabhängigen Validierung der Technologie. Patente allein reichen nicht; entscheidend ist, ob sie relevante technische Engpässe abdecken und international verteidigbar sind.
Ebenso wichtig ist eine nachvollziehbare Roadmap. Ein Unternehmen sollte konkrete, messbare Entwicklungsstufen definieren und erklären können, welches Kapital bis zum nächsten technischen und kommerziellen Meilenstein benötigt wird. Bei Quantenhardware können mehrere kapitalintensive Finanzierungsrunden notwendig werden. Eine frühe Beteiligung ohne ausreichende Reserven für Folgeinvestitionen birgt ein erhebliches Verwässerungsrisiko.
Industriepartner, Pilotkunden und wissenschaftliche Kooperationen sind starke Signale, sofern sie über unverbindliche Absichtserklärungen hinausgehen. Besonders attraktiv können Unternehmen sein, die bereits heute Umsätze mit Komponenten, Cloudzugängen, Forschungsdienstleistungen oder klassischen Anwendungen erzielen.
Alfred Wieder über Chancen und Risiken
Herr Wieder, ist Quantencomputing bereits ein Thema für kurzfristig orientierte Anleger?
Nach Wieders Einschätzung eindeutig nicht. Er betrachtet Quantencomputing als langfristiges Investmentfeld. Viele Unternehmen befänden sich noch in der Entwicklung; breite kommerzielle Anwendungen benötigten Zeit. Die Chance liege darin, früh Unternehmen zu identifizieren, die später eine relevante Position im entstehenden Markt erreichen können.
Welche Bereiche sind aus Investorensicht besonders interessant?
Wieder nennt Hardware und Prozessoren, branchenspezifische Software sowie die gesamte technische Infrastruktur. Dazu gehören unter anderem Photonik, Kühlung, Steuerungselektronik, Fehlerkorrektur, Spezialchips und Sicherheitslösungen. Einige dieser Anbieter könnten früher marktfähige Produkte entwickeln als reine Hardwareunternehmen.
Welche Kriterien sollte ein Family Office bei einem Quantum-Startup prüfen?
Im Zentrum stehen laut Wieder ein fachlich starkes Gründerteam, eine klare technologische Roadmap, belastbare Patente, wissenschaftliche Substanz und glaubwürdige Industriepartner. Entscheidend sei, ob ein Unternehmen überprüfbare Meilensteine erreicht und einen realistischen Weg zu Produkten und Umsätzen vorweisen kann.
Wie sollte mit dem hohen Risiko umgegangen werden?
Wieder plädiert für Diversifikation und einen langen Anlagehorizont. Statt ausschließlich auf einen einzelnen Hardwareentwickler zu setzen, empfiehlt er eine Kombination aus Quantum-Unternehmen, Infrastruktur- und Sicherheitsanbietern sowie etablierten Technologiekonzernen. Quantum sollte demnach eine Beimischung und keine kurzfristige Spekulation sein.
Das MIG-Umfeld, mit dem Wieder historisch verbunden ist, hat früh praktische Erfahrung mit dem Sektor gesammelt: Mehrere MIG-Fonds beteiligten sich 2019 am finnischen Quantencomputerhersteller IQM und stellten 2020 weiteres Kapital bereit. Das belegt eine frühe institutionelle Beschäftigung mit dem europäischen Quantum-Ökosystem, ist jedoch nicht automatisch mit einer persönlichen Direktinvestition Wieders gleichzusetzen.
Fazit
Family Offices investieren nicht deshalb in Quantencomputing, weil der kommerzielle Durchbruch unmittelbar bevorsteht. Sie interessieren sich dafür, weil die Technologie wissenschaftliche Tiefe, staatliche Priorität, industrielle Relevanz und ein außergewöhnliches langfristiges Renditepotenzial verbindet.
Genau darin liegt allerdings auch das Risiko. Quantencomputing ist kapitalintensiv, technologisch fragmentiert und von schwer planbaren Entwicklungszeiträumen geprägt. Erfolgreich dürften daher nicht jene Investoren sein, die den größten Zukunftsversprechen folgen, sondern jene, die technische Qualität beurteilen, ausreichend diversifizieren und über viele Jahre konsequent nachfinanzieren können. Für entsprechend aufgestellte Family Offices könnte das Feld deshalb besonders geeignet sein.


