14. August 2026

Kontaktdaten

August-Bebel-Straße 5 d
04425 Taucha

Telefon

0800 0800 756

E-Mail Adresse

info@deutsche-startup-zeitung.de

Interviews

Interview mit Alfred Wieder: „Der Startup-Markt ist zurück – aber nicht mehr für alle gleichermaßen“

Interview mit Alfred Wieder: „Der Startup-Markt ist zurück – aber nicht mehr für alle gleichermaßen“

Der Startup-Markt zeigt sich im Sommer 2026 deutlich selektiver als in früheren Boomjahren. Während DeepTech, Künstliche Intelligenz, DefenceTech, ClimateTech und Quantentechnologie wieder große Finanzierungsrunden anziehen, kämpfen viele klassische Software- und Plattform-Startups weiter um Kapital. Wir haben mit Alfred Wieder über die aktuelle Lage, die Rolle Europas und die Chancen für Gründer gesprochen.

Frage: Herr Wieder, der Startup-Markt scheint wieder in Bewegung zu kommen. Ist die Krise vorbei?

Alfred Wieder: Von einer breiten Entwarnung würde ich nicht sprechen. Kapital ist wieder da, aber es verteilt sich anders. Wir sehen sehr große Finanzierungsrunden in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, DeepTech, Quantentechnologie, DefenceTech und ClimateTech. Gleichzeitig haben viele klassische Startups weiterhin Schwierigkeiten, Kapital zu bekommen. Der Markt ist zurück, aber nicht mehr für alle gleichermaßen.

Frage: Was unterscheidet die aktuelle Marktphase von den Boomjahren 2021 und 2022?

Alfred Wieder: Damals wurden viele Unternehmen vor allem auf Wachstum und Marktanteile bewertet. Heute schauen Investoren genauer hin. Es geht stärker um technologische Substanz, Profitabilitätsperspektiven, Eintrittsbarrieren und strategische Relevanz. Ein gutes Pitchdeck reicht nicht mehr. Gründer müssen zeigen, dass ihr Geschäftsmodell tragfähig ist und dass sie ein echtes Problem lösen.

Frage: Welche Bereiche profitieren derzeit besonders?

Alfred Wieder: Ganz klar Künstliche Intelligenz, aber nicht mehr nur allgemeine KI-Anwendungen. Besonders gefragt sind KI-Infrastruktur, spezialisierte Unternehmenslösungen, Automatisierung, Halbleiter, Quantentechnologie, Fusionsenergie, ClimateTech und DefenceTech. Investoren suchen Unternehmen, die langfristig wichtige technologische Engpässe lösen können.

Frage: Deutschland fällt derzeit besonders mit DeepTech-Finanzierungen auf. Wie bewerten Sie das?

Alfred Wieder: Das ist eine sehr positive Entwicklung. Deutschland hat starke Universitäten, Forschungseinrichtungen und industrielle Netzwerke. Gerade daraus entstehen viele DeepTech-Unternehmen. Wenn Firmen aus der Quantensensorik, Fusionsenergie oder industriellen KI große Finanzierungsrunden erhalten, zeigt das: Der Standort hat Substanz. Die Herausforderung ist, daraus internationale Marktführer zu formen.

Frage: Warum sind DeepTech-Unternehmen für Investoren so attraktiv geworden?

Alfred Wieder: DeepTech hat hohe Eintrittsbarrieren. Es braucht Forschung, Patente, Spezialwissen und oft jahrelange Entwicklung. Das ist schwieriger als ein reines Plattformmodell, aber genau deshalb auch schwerer kopierbar. Wenn ein solches Unternehmen technologisch funktioniert, kann daraus ein sehr wertvolles Geschäftsmodell entstehen. Zudem spielen Themen wie Energie, Halbleiter, Sicherheit und industrielle Souveränität heute eine viel größere Rolle.

Frage: Künstliche Intelligenz bleibt der dominierende Trend. Sehen wir hier bereits eine Überhitzung?

Alfred Wieder: Teilweise ja. Bei KI gibt es sehr hohe Erwartungen und auch sehr hohe Bewertungen. Aber man muss differenzieren. Nicht jedes Unternehmen mit „AI“ im Namen wird erfolgreich sein. Spannend sind Firmen, die KI konkret in Prozesse integrieren, Kosten senken, Produktivität steigern oder Infrastruktur bereitstellen. Der Markt wird die Spreu vom Weizen trennen.

Frage: Was bedeutet das für klassische Software-Startups?

Alfred Wieder: Sie haben es schwerer als früher. Ein weiteres SaaS-Tool ohne klare Differenzierung bekommt heute nicht mehr automatisch Geld. Investoren fragen: Wie hoch ist die Wechselbarriere? Wie stark ist der Kundennutzen? Wie schnell kann das Unternehmen profitabel werden? Wer darauf keine überzeugenden Antworten hat, wird Probleme bekommen.

Frage: Europa versucht mit neuen Fonds und Förderprogrammen gegenzusteuern. Reicht das aus?

Alfred Wieder: Es ist ein wichtiger Schritt, aber nicht ausreichend. Europa braucht mehr Wachstumskapital, schnellere Entscheidungsprozesse und bessere Bedingungen für Skalierung. Viele europäische Startups scheitern nicht an der Idee, sondern an der Finanzierung großer Wachstumsphasen. Wenn Europa technologische Souveränität will, muss es auch bereit sein, große Finanzierungsrunden in Europa zu ermöglichen.

Frage: Welche Rolle spielt öffentliche Förderung?

Alfred Wieder: Eine immer größere. Gerade bei DeepTech, ClimateTech, Energie und Sicherheit greifen öffentliche Förderung und privates Kapital zunehmend ineinander. Das ist sinnvoll, weil viele dieser Technologien hohe Anfangsinvestitionen und lange Entwicklungszeiten haben. Wichtig ist aber, dass Förderung nicht Bürokratie produziert, sondern Innovation beschleunigt.

Frage: DefenceTech war lange ein schwieriges Thema für Investoren. Hat sich das geändert?

Alfred Wieder: Ja, deutlich. Sicherheitstechnologie ist heute ein strategisches Investmentfeld. Der Krieg in der Ukraine, geopolitische Spannungen und die Diskussion um europäische Verteidigungsfähigkeit haben den Blick verändert. DefenceTech ist nicht mehr automatisch ein Tabuthema, sondern wird zunehmend als Teil technologischer Souveränität verstanden.

Frage: Welche Chancen hat Deutschland in diesem Umfeld?

Alfred Wieder: Deutschland hat große Chancen, wenn es seine Stärken richtig nutzt: Ingenieurwissen, Forschung, industrielle Kunden, Mittelstand und starke technische Universitäten. Aber Deutschland muss schneller werden. Bürokratie, lange Genehmigungsverfahren und zurückhaltendes Wachstumskapital bleiben Bremsen.

Frage: Was raten Sie Gründerinnen und Gründern in der aktuellen Phase?

Alfred Wieder: Sie sollten sehr klar zeigen, welches konkrete Problem sie lösen, warum ihre Technologie schwer kopierbar ist und wie der Weg zur Profitabilität aussieht. Wer nur auf Marktstimmung oder Hype setzt, wird es schwer haben. Wer echte Substanz liefert, hat dagegen gute Chancen.

Frage: Und was sollten Investoren beachten?

Alfred Wieder: Investoren sollten nicht jedem Trend blind folgen. Gerade bei KI ist sorgfältige Prüfung wichtig. Gleichzeitig sollten sie mutiger bei europäischen DeepTech-Unternehmen sein. Viele dieser Firmen brauchen mehr Zeit und Kapital, können aber langfristig enorme Bedeutung gewinnen.

Frage: Ihr Fazit zur aktuellen Lage?

Alfred Wieder: Der Startup-Markt ist nicht tot, im Gegenteil. Er wird erwachsener. Kapital fließt wieder, aber gezielter. Die Zeit der schnellen, breiten Bewertungen ist vorbei. Entscheidend sind Technologie, Substanz und strategische Relevanz. Für Deutschland und Europa ist das eine Chance – wenn wir sie konsequent nutzen.

About Author

Redaktion

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert