Interview mit Alfred Wieder: „Ozeanien wird für Investoren spannender – vor allem bei KI, Klima, Quantum und HealthTech“
Australien und Neuseeland entwickeln sich zunehmend zu interessanten Startup-Standorten. Zwar bleibt die Region im Vergleich zu den USA, Europa oder Asien kleiner, doch gerade in Zukunftsfeldern wie Künstliche Intelligenz, ClimateTech, Quantentechnologie, AgTech, HealthTech und Fintech entstehen Unternehmen mit internationalem Anspruch. Wir haben mit Alfred Wieder über die spannendsten Entwicklungen in Ozeanien gesprochen.
Frage: Herr Wieder, wenn man über Startups spricht, denkt man oft an die USA, Europa oder Israel. Wie interessant ist Ozeanien derzeit?
Alfred Wieder: Ozeanien ist kleiner, aber sehr spannend. Vor allem Australien und Neuseeland bringen Unternehmen hervor, die technologisch anspruchsvoll sind und globale Märkte adressieren. Man darf die Region nicht unterschätzen. Gerade in Bereichen wie Fintech, Quantencomputing, Energie, AgTech und HealthTech gibt es dort eine bemerkenswerte Dynamik.
Frage: Was macht Australien als Startup-Standort besonders?
Alfred Wieder: Australien hat eine starke Forschungslandschaft, gute Universitäten und zunehmend erfahrene Gründerteams. Dazu kommt ein wachsendes Venture-Capital-Ökosystem. Besonders interessant ist, dass Australien nicht nur klassische Software-Startups hervorbringt, sondern auch sehr kapitalintensive DeepTech-Unternehmen. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Frage: Welches Startup aus Australien sticht für Sie besonders heraus?
Alfred Wieder: Airwallex ist sicherlich das bekannteste Beispiel. Das Unternehmen wurde in Melbourne gegründet und hat sich zu einem globalen Fintech-Player entwickelt. Mit einer Bewertung im zweistelligen Milliardenbereich ist Airwallex ein Beweis dafür, dass aus Australien internationale Scale-ups entstehen können. Besonders spannend ist der Fokus auf globale Zahlungsabwicklung, Unternehmensfinanzen und zunehmend auch KI-gestützte Finanzprozesse.
Frage: Airwallex ist allerdings schon ein großer Scale-up. Welche jüngeren Unternehmen sind interessant?
Alfred Wieder: Im ClimateTech-Bereich ist Gridcog sehr spannend. Das Unternehmen entwickelt Software zur Modellierung erneuerbarer Energieprojekte. Das klingt zunächst technisch, ist aber enorm relevant. Wenn Stromnetze komplexer werden, wenn Batterien, Solar, Wind und flexible Verbraucher zusammenspielen, braucht man genau solche Softwarelösungen. Gridcog sitzt an einer wichtigen Schnittstelle der Energiewende.
Frage: Auch FemTech und HealthTech scheinen in Australien an Bedeutung zu gewinnen.
Alfred Wieder: Absolut. Ovum ist ein gutes Beispiel. Das Unternehmen arbeitet an KI-gestützten Lösungen für Frauengesundheit. Dieser Bereich war lange unterfinanziert und medizinisch oft unterrepräsentiert. Wenn ein Startup hier Daten, Diagnostik und Versorgung besser zusammenbringt, kann daraus ein sehr relevanter Markt entstehen. Auch Everlab zeigt, dass präventive Medizin und Longevity in Australien zunehmend Kapital anziehen.
Frage: Welche Rolle spielt Quantentechnologie in Australien?
Alfred Wieder: Eine sehr große. Australien ist bei Quantenforschung stark aufgestellt. Unternehmen wie Silicon Quantum Computing oder Diraq zeigen, dass aus wissenschaftlicher Exzellenz konkrete Unternehmensgründungen entstehen können. Gerade Diraq ist interessant, weil es staatliche Unterstützung erhalten hat und Australiens Ambition zeigt, bei souveräner Quantentechnologie eine Rolle zu spielen.
Frage: Ist das ein Bereich, in dem Australien international mithalten kann?
Alfred Wieder: Ja, zumindest in ausgewählten Nischen. Quantencomputing ist global extrem anspruchsvoll und kapitalintensiv. Aber Australien hat hier echte Forschungstiefe. Entscheidend wird sein, ob genug Kapital, Industriepartner und langfristige Geduld vorhanden sind. DeepTech braucht mehr Zeit als klassische Software.
Frage: Sie haben auch KI-Governance erwähnt. Warum ist das wichtig?
Alfred Wieder: Weil sich der KI-Markt verändert. Es geht nicht mehr nur darum, KI-Tools zu bauen, sondern auch darum, KI-Systeme sicher zu steuern. Aigentsphere aus Sydney ist in diesem Zusammenhang interessant. Das Startup beschäftigt sich mit Governance und Management von KI-Agenten. Wenn Unternehmen künftig viele autonome KI-Agenten einsetzen, brauchen sie Kontrolle, Dokumentation, Verantwortlichkeit und Risikomanagement. Genau dort entsteht ein neuer Markt.
Frage: Gibt es auch im Finanzbereich neue Ansätze jenseits von Airwallex?
Alfred Wieder: Ja. Extraordinary Money, auch XMO genannt, ist ein Beispiel für agentische KI in der privaten Finanzverwaltung. Das Unternehmen wurde von früheren Up-Bank-Mitarbeitern gegründet. Der Gedanke ist, dass KI nicht nur Auswertungen liefert, sondern aktiv bei finanziellen Entscheidungen unterstützt. Das kann ein großes Thema werden – vorausgesetzt, Vertrauen, Regulierung und Datensicherheit stimmen.
Frage: Neuseeland ist deutlich kleiner als Australien. Wo liegen dort die Stärken?
Alfred Wieder: Neuseeland ist besonders spannend bei AgTech, MedTech und spezialisierten Datenanwendungen. Das passt zur Struktur des Landes: Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Gesundheitsversorgung und geografische Besonderheiten spielen eine große Rolle. Aus solchen Herausforderungen entstehen oft gute Startup-Ideen.
Frage: Welche neuseeländischen Startups sollte man kennen?
Alfred Wieder: Wellumio ist aus meiner Sicht eines der interessantesten Beispiele. Das Unternehmen entwickelt tragbare Neuroimaging-Technologie zur schnellen Schlaganfall-Diagnostik. Wenn sich das klinisch durchsetzt, kann das enorme Auswirkungen auf Notfallmedizin und Versorgung haben. Gerade in einem Land mit großen Distanzen ist mobile Diagnostik besonders relevant.
Frage: Und im AgTech-Bereich?
Alfred Wieder: Agovor ist ein gutes Beispiel. Das Startup entwickelt Robotik für den Gartenbau. Automatisierung wird in der Landwirtschaft immer wichtiger – wegen Arbeitskräftemangel, Effizienz und Nachhaltigkeit. Auch Rumin8 ist spannend, weil es mit methanreduzierenden Futterzusätzen an einem der großen Klimaprobleme der Landwirtschaft arbeitet. Gerade Australien und Neuseeland haben hier wegen ihrer starken Agrarsektoren eine besondere Verantwortung und Chance.
Frage: Welche Rolle spielen ClimateTech und Energie in der Region?
Alfred Wieder: Eine sehr große. Australien hat enorme Potenziale bei erneuerbaren Energien, aber auch Herausforderungen bei Netzen, Speicherung und industrieller Nutzung. Deshalb sind Startups wie Gridcog so relevant. Neuseeland wiederum hat starke Verbindungen zwischen Agrarwirtschaft, Klima und Technologie. ClimateTech in Ozeanien ist oft sehr praktisch orientiert: weniger reine Theorie, mehr konkrete Anwendungen in Energie, Landwirtschaft und Infrastruktur.
Frage: Sehen Sie Ozeanien eher als regionalen Markt oder als Sprungbrett für globale Startups?
Alfred Wieder: Für gute Startups ist Ozeanien ein Sprungbrett. Der Heimatmarkt ist begrenzt, gerade in Neuseeland. Wer dort skaliert, muss früh international denken. Das kann ein Vorteil sein. Gründer lernen schnell, Produkte für globale Märkte zu bauen.
Frage: Was fehlt dem Ökosystem noch?
Alfred Wieder: Mehr Wachstumskapital. Frühphasenfinanzierungen funktionieren zunehmend besser, aber große Scale-up-Runden sind schwieriger. Viele Unternehmen brauchen irgendwann Kapital aus den USA, Europa oder Asien. Außerdem ist die Distanz zu großen Kundenmärkten ein Thema. Gleichzeitig wird genau das durch digitale Geschäftsmodelle und globale DeepTech-Netzwerke weniger problematisch.
Frage: Welche drei Sektoren würden Sie in Ozeanien besonders beobachten?
Alfred Wieder: Erstens Künstliche Intelligenz, insbesondere spezialisierte Anwendungen und KI-Governance. Zweitens ClimateTech und Energie, weil Australien und Neuseeland dort strukturell starke Anwendungsfelder haben. Drittens HealthTech und MedTech, weil Unternehmen wie Wellumio zeigen, dass aus regionalen Versorgungsproblemen globale Lösungen entstehen können. Dazu kommt als vierter Bereich Quantentechnologie, vor allem in Australien.
Frage: Ihr Fazit?
Alfred Wieder: Ozeanien ist kein Massenmarkt für Startups, aber ein sehr interessantes Innovationslabor. Australien liefert größere Finanzierungsrunden und globale Scale-ups, Neuseeland überzeugt mit spezialisierten Technologien in AgTech, MedTech und Klima. Wer nur auf Silicon Valley oder Europa schaut, übersieht dort spannende Unternehmen. Gerade in den nächsten Jahren könnten aus Ozeanien einige sehr relevante Technologieanbieter kommen.


